Alle Bücher, die einem erklären sollen, wie man mit kleinen Kindern umgeht, empfehlen, den Kleinen zum Einschlafen oder auch nur zur Beruhigung etwas vorzusingen. Auch Großmütter, Nachbarinnen, befreundete und bereits in der Erziehung fortgeschrittene Mütter, Kollegen und beliebige Besucher, alle, alle sind sich einig, der Nachwuchs sollte stets ausführlich mit elterlichem Gesang versorgt werden.

Schon vor der Schwangerschaft hatte ich darüber einen ernsthaften Disput mit der Herzdame, als wir über unsere Zukunftsvorstellungen sprachen und ich anmerkte, daß ich sie dann ja faszinierenderweise auch einmal singen hören würde. Die Herzdame verneinte das, woraufhin ich von elterlichen Pflichten sprach und sie von Rücksicht auf das Kind und auf mich, wir wurden uns an diesem Abend nicht recht einig. Schließlich dachte ich mir, so etwas könne man auch gelassen abwarten, früher oder später singt sicherlich jede Mutter dem in den Schoß gekuschelten Kind etwas vor, wie kann es auch anders sein.

Nur achtzehn Wochen nach der Geburt war die Herzdame gestern ob des permanent schreienden Kindes so ratlos, daß sie tatsächlich angefangen hat, ihm ein Schlaflied zu singen, nachdem sie sich längere Zeit mittels einer geeigneten CD etwas eingegroovt hatte. “Wer hat die schönsten Schäfchen” hat einen überschaubaren Text und klingt von der Melodie her tatsächlich nicht allzu herausfordernd. Die Herzdame zog sich tapfer mit dem Sohn zur Musikstunde zurück

Nach einer Weile hörte ich aus dem Schlafzimmer seltsame Geräusche, die mir bedenklich vorkamen. Es klang in etwa so, als würde die Herzdame ganz leise singen und nebenbei langsam einen Kakadu erwürgen. Ich sah schließlich nach – und stellte fest, daß unser Sohn die Gesangsübungen der Mutter in einer so umwerfenden Weise erheiternd fand, daß er schon Atemnot vor Lachen hatte, was die seltsamen Geräusche erklärte. Die Herzdame sah das haltlos gackernde Kind mit einiger Verbitterung an und wird wahrscheinlich in diesem Leben nie wieder singen. Das ist sehr schade, zumal ich die Aktion letztlich doch als Erfolg werten würde.

Immerhin kicherte der Sohn noch eine ganze Stunde später leise und glucksend vor sich hin und vergaß darüber ganz, daß er sich eigentlich mit Gebrüll beschäftigen wollte.

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