Schon seit Wochen wollte ich dem Sohn mal Travemünde zeigen, heute haben wir es endlich geschafft. Wie seltsam, dorthin zu fahren, im Stau zu stehen, der früher immer nur aus den anderen bestand und dann mühsam einen Parkplatz zu suchen – früher habe ich dort vom Balkon herunter auf den Verkehr gesehen und über die Touristen gelacht, die immer nur um die Häuser kreisten und gar nicht aus den Autos herauskamen. Wie komisch, dann endlich zu parken, nur um dann noch mal eine halbe Stunde zu brauchen, bis der Kinderwagen wieder ausgeklappt und zusammengesteckt ist, die ganze Familie sonnenölbeschmiert glänzt und Eimerchen, Schaufel, Digitalkamera und Telefone, Jacken und Getränke, Sonnenhüte und Bücher irgendwo untergebracht sind, bis das Auto abgeschlossen ist und die Jacke dann doch noch mal gewechselt wurde. Früher, als Kind, habe ich mit meinem Freund Stefan Wetten darauf abgeschlossen, wie lange Touristen wohl vom Einparken bis zum Losgehen brauchen würden, und immer war es noch viel länger, als wir dachten. Die waren schon komisch, die Touristen.

Der einzige freie Parkplatz heute war ausgerechnet genau vor der Strandresidenz, die mittlerweile einen ziemlich verkommenen Eindruck macht. Sie ist mit den Jahren kleiner geworden, hat sich zusammengezogen und ist auch gar nicht mehr strahlend weiß, sondern schmuddelig angegraut. Früher war es mal ein ansehnliches Gebäude. Früher, früher, an jeder Ecke stolpere ich über ein Früher, da hat früher Sarah gewohnt, da die Apothekerstochter, die beim Küssen immer Lakritz aß, da wohnte Sarahs Großmutter, da Hilde, da gab es die besten Schnitzel, zumindest für die Einheimischen, da saßen wir im Winter und tranken Grog. Da habe ich nachts gebadet, da den Imbiß aufgebrochen, das Haus da kenne ich nur als Bauloch, auf dem Steg habe ich im Sommer gesessen und gelesen.

Der Strand, mit diesem immer gleichen Sonnencremeduft, hier und da durchzogen von scharfem Muschelgestank, die Luft voller Kindergeschrei, bunten Bällen, taumelnden Frisbees und oben mit Möwen und Postkartenwolken. Sand, Sand, Strandkörbe, dicke Menschen auf Handtüchern, sonnengetrockneter Seetang, Kiesel, Muschelsplitter – dann das Meer.

Kinder laufen lachend und spritzend durch die schwache Brandung, lassen sich in die Wellen hineinfallen und kreischen nach Luft schnappend, das Wasser ist eiskalt. Die Erwachsenen am Ufer frieren schon vom Zugucken. Früher war ich eines der Kinder, früher machte mir kaltes Wasser nichts aus und wenn doch, hätte ich es vor Touristen natürlich nicht gezeigt. Ich sehe den Kindern mit hochgezogenen Schultern zu, der Wind ist frisch.

Wir haben den Sohn an das Wasser gesetzt und er hat eine ganze Weile nur staunend geguckt. Dann hat er langsam die Arme gehoben, gelacht und dann ganze zehn Minuten lang der Ostsee Beifall geklatscht. Saß da und jubelte, klein und vor Freude bebend und klatschte und klatschte. Er kann erst seit drei Tagen klatschen, das heißt schon was, es ist gar nicht so einfach, wenn die eine Hand immerzu die andere treffen soll, aber wenn man das so zum ersten mal im Leben sieht, das große Blau unten, das große Blau oben, dazwischen ein paar blitzende Segel, dann kann man sich schon mal Mühe geben, mit dem Klatschen.

Applaus, Applaus – und natürlich hat er recht. Es ist großartig, es ist wundervoll und man sollte es viel öfter sehen. Wir denken drüber nach.

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