Oben rein, unten raus

Der Sohn lernt. Krabbelt in der Wohnung rum und lernt und lernt, ein geradezu erschreckend volles Programm. Denn es gibt ja die unglaublichsten Entdeckungen, für die man nicht einmal das eigene Zimmer verlassen muß. Zum Beispiel kann man etwas so auf die Heizung legen, daß es dahinter fällt und dann nach kurzem Gepolter unten wieder rauskommt. Einen Bauklotz oder einen Schnuller etwa, oder eine kleine Plüschente. Oben ablegen, ein wenig anschubsen, kurz warten, zack wieder da.

Wenn Sie das jetzt wenig spektakulär finden, liegt das nur an Ihrem routinierten und daher natürlich etwas langweiligen Erwachsenenverstand. Aus der Perspektive eines Kleinkindes ist das der Hammer. Oben rein, unten raus! Immer wieder! Ungefähr zehnmal nacheinander hat er es mir vorgeführt, geradezu hysterisch lachend vor Begeisterung und Amüsement. Und dann hat er noch einmal einen Bauklotz oben eingeworfen, der aber diesmal auf eine Reihe von bereits hinter der Heizung verkeilten Gegenständen traf und daher steckenblieb. Allerdings löste sich dabei der unterste der Gegenstände und so kullerte dem Sohn ein Schnuller vor die Füße. Bauklotz rein, Schnuller raus. Das müßte man eigentlich alles, um der Stimmung des Kindes gerecht zu werden, mit einer Unzahl von Ausrufezeichen versehen und in Großbuchstaben schreiben. Es ist gar nicht einfach, diese vibrierende Aufregung wiederzugeben, mit der jetzt die gerade eben erst erlernte Erkenntnis durch die nächste überrollt wurde. Die Dinge können sich hinter der Heizung verändern, einfach so! Alle diese Spielsachen sind offensichtlich Gestaltwandler! In dieser Welt ist wahrscheinlich wirklich alles möglich.

Es kommt Ihnen vielleicht bekannt vor, dieses Prinzip, oben rein, unten raus – denn natürlich haben auch wir Erwachsenen solche Spielchen. Eines nennt sich z.B. Kaffeeautomat und man wirft oben einen Euro rein und unten kommt heiße Plörre raus. Man spielt dergleichen lebenslang – man wundert sich nur nicht mehr. Nicht über den Kaffee, nicht über den Geschmack. Verlernt.

Wobei es wohl in der Tat etwas unpassend wäre, mit dem frisch gefüllten Kaffeebecher jauchzend in der Kantine zu stehen, vor dem Automaten auf und ab zu hüpfen und in der anderen Hand begeistert eine Rassel zu schwenken.

Tips für Väter (10)

Wenn Sie morgens mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren, sind Sie es sicher gewohnt, daß die Menschen um Sie herum mißmutig und schlechtgelaunt gucken. Darüber wundert man sich nicht, man guckt ja selbst auch so. Wenn die Menschen allerdings scheinbar ganz ausdrücklich in Ihre Richtung gucken und auf den Gesichtern nicht nur die normale morgendliche Unlust, sondern auch eine gewisse Steigerung zu entdecken ist, die in Richtung Ekel geht, verbunden mit einer Tendenz zur Übelkeit und grünlicher Verfärbung – bleiben Sie unbedingt gelassen. Machen Sie sich keine Sorgen um Ihre Ausstrahlung und zweifeln Sie nicht an Ihrem bewährten Charme.

Ziehen Sie aber in Erwägung, daß Ihnen der Nachwuchs beim morgendlichen Abschied vielleicht heimlich ein schönes, großes Stück gut eingespeichelter Banane auf die Schulter geklebt hat.

Neu auf dem Nachttisch

Italo Svevo: Zeno Cosini. Aus dem Italienischen von Piero Rismondo. Der Roman, zuerst erschienen 1923, beginnt, nach einem Vorwort und einer Einleitung, so:

„Der Arzt, mit dem ich über meine Raucherleidenschaft gesprochen haben, riet mir, ihre Entwicklung darzustellen und diese Arbeit damit zu beginnen: „Schreiben Sie nur, schreiben Sie! Sie werden sehen, wie bald man dazu kommt, sich selber zu erkennen.“ Ich glaube, daß ich über das Rauchen ruhig hier an meinem Tisch schreiben kann; daß es dazu nicht erst nötig ist, träumend in jenem Klubsessel zu liegen. Zwar weiß ich nicht, wie ich beginnen soll. Alle Zigaretten, die ich je geraucht habe, mögen mir beistehen. Sie glichen alle der einen, die ich hier in der Hand halte.“

Und nun zur Werbung

Diese kurzen Sätze, die vereinzelt auf den Produkten stehen, die man so aus dem Supermarkt mit nach Hause bringt, die liest man normalerweise nicht, oder zumindest nicht bewußt. Ist ja auch vollkommen egal, ob da auf dem Frischkäse nun „jetzt noch cremiger“ steht oder nicht, oder ob auf dem Bier der erlesen geistreiche Vorschlag „gut gekühlt genießen“ vermerkt ist. Solche Aufdrucke passieren das Gehirn ohne den geringsten Widerstand, gesehen, gelesen, gelöscht.

Heute stand ich aber doch länger sinnend vor einem kleinen Beutel mit Tomaten und besah mir immer wieder den kleinen Pappanhänger, der mich darüber informierte, daß die Tomaten Bio seien. Das wäre noch nicht bemerkenswert gewesen, aber das „Bio“ wurde noch weiter erläutert und präzisiert durch den überaus seltsamen Zusatz: „Von Hummeln befruchtet“.

Von Hummeln befruchtet – ein Satz, der mich vollkommen ratlos zurückläßt. Was sagt mir das? Ist das gut? Besser als von Bienen oder so? Und woher wissen die das? Kommen die Tomaten aus Treibhäusern, in die man ab und zu ein paar Divisionen Hummeln einfliegen läßt, damit sie da mal über die jungfräulichen Pflanzen, nun ja, rüberbürsten? Kommen sie aus dem Freiland und man beobachtet die Pflanzen mit Überwachungskameras, um sie dann später bei der Ernte zu sortieren und in getrennte Beutelchen zu packen – von Hummeln befruchtet, von Bienen, von Schmetterlingen, von was weiß ich?

Vielleicht schmecken hummelbefruchtete Tomaten besser als andere, kann ja sein. Vielleicht soll es mir auch nur freie Natur vermitteln und Assoziationen an freie Wildbahn und Natur wecken. Come to Hummel-Country, sozusagen. Ich verstehe es einfach nicht. Was sagen Lebensmittelexperten dazu?

Ich muß unbedingt mal nachsehen, ob auf der Bio-Schnitzelpackung nicht vielleicht „in Reetdachställen gezeugt“ steht.