Das Ehepaar, das den Strandkorb neben dem unseren gemietet hat, ist schon älter und beide sind sehr korpulent. Sein Bierbauch hängt tief über der roten Badehose und sie sieht von Po bis Schulter aus wie aufgeblasen, so dramatisch wölbt sich alles dem Betrachter entgegen. Ihr stahlblauer Badeanzug spannt ringsum bedenklich. Sie kommen am Morgen und er macht das Gatter, mit dem der Strandkorb verschlossen ist, sehr routiniert auf, dreht den Korb in die Sonne, fährt die Fußbänke aus, kippt das Rückenteil etwas zurück, alles so, als hätte er es schon tausendmal gemacht. Sie steht daneben und guckt ihm zu. Sie setzen sich hin, beide setzen eine große Sonnenbrille auf, er liest die Bildzeitung, sie einen Roman mit einem rosafarbenen Einband. So sitzen sie sehr lange und lesen, man würde nicht annehmen, daß die Bildzeitung überhaupt soviel Inhalt bietet. Die Luft flimmert leicht über ihnen. Sie bewegen sich nicht, von gelegentlichem Umblättern abgesehen. Sie reden nicht, sie haben überhaupt die ganze Zeit noch kein Wort gewechselt, nur als sie sich beide hingesetzt haben, da hat er kurz „so“ gesagt, mehr nicht.

Irgendwann stehen beide gleichzeitig auf, man kann nicht erkennen, wie die Abstimmung funktioniert hat, verbal jedenfalls nicht. Sie legen Bildzeitung und Roman in den Strandkorb und gehen zum Meer. Bis zu den Knien gehen sie beide zügig hinein, dann dreht sie ab und geht in Richtung Seebrücke durch das flache Wasser, langsam, den Kopf nach unten gerichtet, als würde sie auf Muscheln achten oder auf Steinchen, die ihr im Weg liegen könnten. Er geht stramm weiter geradeaus, hält erst seine Unterarme in die Wellen, spritzt sich dann am Oberkörper ein wenig naß und wirft sich schließlich nach vorne und schwimmt. Abgezirkeltes Brustschwimmen mit hoch erhobenem Kopf, ein paar Züge nur in Richtung Horizont, dann dreht auch er in Richtung Seebrücke ab, schwimmt weiter und hält langsam auf seine Frau zu, die immer noch nur nach unten sieht. Das Wasser wird schließlich zu flach für ihn, er geht jetzt wieder, kreuzt dann den Weg seiner Frau und beide gehen zum Strandkorb zurück, nebeneinander, wortlos.

Er nimmt zwei Holzschläger und einen kleinen hellblauen Gummiball aus der Strandtasche. Sie stellen sich da auf, wo keine Strandkörbe mehr sind, etwa zehn Meter auseinander und er schlägt den Ball mit dem Holzschläger zu ihr, von unten nach oben. Der Ball kommt hoch auf die Frau zu und sie schlägt ihn über dem Kopf zurück zu ihrem Mann. Das bleibt so, er schlägt immer von unten, sie schlägt immer von oben, bei ihm macht der Ball immer ein dunkles „plopp“, bei ihr eher „plüpp“. Wenn sie den Ball einmal nicht ganz gerade schlagen fällt er in den Sand, keiner von beiden macht einen Ausfallschritt zur Seite um den Ball zu retten, auch keinen halben, starr sehen sie den schrägen Ball fallen und heben ihn dann mit einem leichten Ächzen wieder auf. Etwa nach jedem achten Schlag, vielleicht auch genau nach jedem achten Schlag, wer weiß, gibt er seiner Frau ein Handzeichen und sucht mit den Füßen in kreisenden Bewegungen den Sand ab, ob nicht vielleicht ein Steinchen in seinem kleinen Radius liegt. Sie wartet solange, ihre Arme hängen herab, der Schläger baumelt in ihrer Hand, bis er schließlich wieder anschlägt: „plopp“.

Nach einer Weile gehen sie zum Strandkorb zurück, wickeln sich jeder in ein großes, grünverblichenes Handtuch und legen sich dann wieder hin – und bewegen sich nicht mehr. Ihre Mienen sind ausdruckslos, sie sagen nichts, sie gucken unbestimmt in die Gegend, sie liegen, sie werden besonnt. Nur einmal, als unser Sohn neugierig in ihre Richtung krabbelt, beugt sich die Frau plötzlich vor und sagt „Na, mein Lütten, ist schön am Strand, was? Das finden wir alle.“ Sie lächelt nicht dabei, aber sie nickt dem Kind energisch zu. Dann lehnt sie sich wieder zurück und schweigt. Nach einer weiteren Stunde packen die beiden ihre Sachen zusammen und gehen. Sie sagen nicht „auf Wiedersehen“ oder „bis morgen“ – aber man ahnt es doch.

%d Bloggern gefällt das: