Wenn Sie Ratgeberliteratur zu Hause haben, und welches Elternpaar hätte das nicht, werden Sie etliche Ernährungstips gelesen haben, von sehr plausiblen bis hin zu sehr esoterischen. In allen mir bekannten Ratgebern zur Kinderernährung fehlt ein wichtiger Hinweis, auf den ich Sie daher um so eindringlicher hinweisen möchte: Geben Sie Ihrem Kind keinen Milchschaum. Und zwar in Ihrem eigenen Interesse. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, ob Milchschaum für Kleinkinder bekömmlich ist oder nicht, wahrscheinlich schon, aber ganz egal – geben Sie dem Nachwuchs nichts davon. Niemals. Wenn Sie, wie es alle Eltern tun, Ihren mitgebrachten Latte Macchiato im Pappbecher auf dem Brett am Sandkastenrand trinken, lassen Sie den Deckel drauf, schlürfen Sie konsequent durch das kleine Loch darin und sagen Sie kategorisch „nein!“ sobald sich eine Kinderhand dem Becher nähert.

Sie können bei anderen Eltern leicht beobachten, was passiert, wenn Sie den Deckel doch öffnen. Warten Sie einfach einmal ab, bis die nächstbeste Mutter neben Ihnen den Deckel vom Becher löst, um den innen haftenden Milchschaum davon abzulecken, was alle Frauen irgendwann zu tun pflegen. Sie werden in etwa folgendes Schauspiel beobachten können:

Sämtliche Kinder in der Sandkiste robben wie von einem großen Biomagneten angezogen auf die Mutter mit dem offenen Becher zu und umringen sie schnatternd, wie man es von hungrigen Enten kennt, denen man ein paar Brotkrumen zuwirft. Sie gucken flehentlich wie Welpen, denen man einen Wurstzipfel hinhält. Die Münder sind weit auf wie bei sperrenden Spatzenküken, deren Mutter eben mit einem knusprigen Insekt geflogen kommt. Sie recken ihre kleinen Fingerchen nach oben, in Richtung des Bechers und sie rufen in einem Tonfall der verblüffend zwischen fiepend und fordernd oszilliert etwas, das entfernt wie Milchschaum klingt, aber weitgehend ohne Konsonanten auskommt. Die Mutter hält in natürlicher Abwehrreaktion den Becher höher und höher, die Kinder richten sich an ihren Beinen auf, winzige Fingernägel zerpflücken ihre Strumpfhose, die Mutter setzt schließlich den Becher an und trinkt, im verzweifelten Bestreben, die jaulende Meute zu ignorieren, den letzten Rest an Kaffee aus. Das Gejammer wird bei dem Anblick natürlich augenblicklich wesentlich lauter, steile Falten des Unwillens erscheinen auf Babystirnen, denen man soviel sichtbaren Zorn gar nicht zugetraut hätte, die Milchschaum-Rufe bekommen einen deutlich schärferen Ton, die ersten Händchen erreichen, weil die Kleinen einfach übereinander krabbeln, bereits die Höhe des Gürtels der Milchschaumverweigererin, die Mutter sieht verzweifelt zu den anderen Müttern hinüber, die ihre Deckel auf den Bechern gelassen haben und jetzt fröhlich hinüberrufen: „Na komm, gib ihnen doch was! Aber nur ein bißchen!“ Der Becher sinkt, die Meute fällt sich balgend darüber her, man denkt an Tierfilme und die süßen Kleinen aus dem Hyänenrudel.

Sie werden dies vielleicht für eine überzogene Darstellung halten – bis Sie sich mit einem Becher voller Milchschaum in eine Sandkiste gesetzt haben. Lassen Sie es nicht soweit kommen.

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