Mein Freund Stefan und ich, wir standen auf der Promenade und sahen zu, wie die Strandkörbe zusammengefahren, auf Transporter verladen und ins Winterlager gebracht wurden. Es nieselte schon den ganzen Tag und die Männer, die da unten auf dem Strand arbeiteten, sahen schlechtgelaunt aus. Sie trugen bunte Plastikregenjacken und Gummistiefel, in denen sie einen watschelnden Gang auf dem weichen Grund hatten. Sie gingen mit hochgezogenen Schultern hin und her, schoben Körbe durcheinander, gaben sich wedelnd Zeichen mit den Armen und brüllten sich hin und wieder an. Der nasse Sand war überall von Spuren übersät, die wild durcheinandergingen, Fußspuren der Männer, Reifenspuren der Transporter, tiefe Schleifspuren der Körbe, eine breit angelegte Wirrnis von Zeichen.

Der verrottende Tang an der Küstenlinie war schon seit Tagen nicht mehr abgefahren worden und türmte sich auf einem schmalen Streifen vor den letzten Ausläufern der Wellen faulig braun und grün auf. Der Tang sah aus, als hätte man da, wo Travemünde zu Ende ist, einen dicken, farbigen Strich gezogen, wie die Markierungen auf den Landkarten im Schulatlas, hier Grenze, hier Schluß. Möwen flatterten hektisch über dieser hingekrakelten Grenzlinie und beschwerten sich lauthals über die schwache Muschelausbeute.

An der richtigen Grenze, drüben auf der anderen Seite der Trave-Mündung, stieg Rauch aus vielen kleinen Feuern auf. Die Brände lagen schon auf der DDR-Seite, hinter dem häßlichen Wachturm. Kleine Herbstfeuer vielleicht, landwirtschaftlich womöglich, wir hatten keine Ahnung von so etwas, aber immerhin gab es einmal Lebenszeichen von drüben, das kam nicht allzu oft vor, meist lag das Land dort nur öde, schweigend und menschenleer.

Neben uns standen ältere Touristen, die ebenfalls den Arbeiten auf dem Strand zusahen. „Jetzt hat man wieder die Weite“, sagte einer von ihnen, zeigte ausholend auf den leergeräumten Strand und der Rest der Gruppe nickte zustimmend. Das war typisch für Touristen, daß sie sehr seltsame Meinungen hatten. Denn das Abräumen der Strandkörbe war natürlich der Vorbote der großen Winterlangeweile in der es zum Verzweifeln schwierig war, die Tage herumzubringen, was sollte einem da denn bitte die Weite? Stefan und ich gingen runter zum Strand und an dem Tangstreifen entlang nordwärts. Das Meer lag unbewegt und grau, der Himmel war dunkel und tief und weit draußen, wo Himmel und Meer zusammentrafen, war der Horizont nur eine sehr schwer erkennbare Schattierung im Nichts. „Oh, diese Weite“ sagte ich in pathetischem Tonfall und guckte gespielt verzückt. „Ja, geil“, sagte Stefan knurrend, während er lustlos Miesmuscheln zertrat und sich dabei von Möwen beschimpfen ließ. „Was machen wir jetzt?“ fragte ich und mit dieser Frage waren wir plötzlich viel tiefer im Herbst, als es der Jahreszeit entsprach, das war schon die Oktober- oder Novemberfrage, das war das immer gleiche Tagesrätsel der dunklen Jahreszeit, was machen wir jetzt, was machen wir jetzt. Ja was weiß ich denn.

Die Touristen, die sich immer über die Weite freuten, gingen spazieren, langsam die Promenade auf und ab, danach gingen sie essen, danach gingen sie schlafen und wenn sie geschlafen hatten, gingen sie wieder spazieren. Sie zeigten auf Schiffe und sahen zu, wie ihre kleinen Hunde auf die jetzt menschenleere Liegewiese kackten. Ihr Programm war nichts für uns.

Der Sandstrand hörte auf und wir gingen an den Findlingen weiter, die als Wellenbrecher zu Hunderten vor der schmalen Verlängerung der Promenade lagen. „Über die Steine laufen?“ fragte ich, eine beiläufige Frage, in vielen Jahren unzählig oft gestellt. Wir standen und sahen auf die unregelmäßige und buckelige Steinreihe vor uns, über die wir noch vor kurzer Zeit gelaufen waren wie Bergziegen, mit großen Sprüngen von Stein zu Stein, im Flug abschätzend ob der nächste Stein rutschig sein würde oder nicht, im Landen wieder den Nächsten ins Auge fassend, Stuntmen und Fernsehserien im Kopf, Kraft in den Beinen, Sommer in der Seele. Die ungeübten Kinder aus dem Binnenland, die es uns nachmachten, stürzten nach zwei oder drei Steinen und riefen kläglich nach ihren Eltern, wir sprangen weiter bis wir irgendwann auf einem großen Stein sitzenblieben, atemlos, die Füße in der Brandung, die Beine zitternd vor Anstrengung, den Rücken auf dem sonnenheißen Granit.

Jetzt aber standen wir vor der Steinreihe und sagten dann beide „nein“, wie aus einem Munde, nicht bei Regen, nicht heute, nicht im Herbst, nicht ohne Zuschauer aus Castrop-Rauxel. Wir hatten die Hände in den Taschen unserer Parkas, die am Rücken schon durchnäßt waren, die frühherbstliche Kälte legte sich um unsere Schultern. „Pommes bei Hugo“, sagte ich, denn ohne Ziel konnte man auch nicht einfach irgendwo längs gehen, wir waren nicht alt genug für Spaziergänge, so etwas machten Erwachsene. Wir gingen zu Hugos Imbiß, an dem jedoch die Rolläden heruntergelassen waren. „Wegen Krankheit geschlosen“ stand mit Filzstift auf einem Pappschild geschrieben, mit nur einem s. Die Schrift war kaum noch zu lesen, weil der Nieselregen überall hinkam, auch unter die Markise vor Hugos Eingang. „Toller Tag“, sagte ich, „was machen wir jetzt?“. „Keine Ahnung“, sagte Stefan mißmutig und setzte sich auf das Plastikschaukelauto vor dem Imbiß, aus dem seine Beine, die in diesem Sommer enorm lang geworden waren, herausragten wie zwei seitlich angebrachte Henkel. „Sarah besuchen?“ fragte Stefan, dessen Kopf jetzt hinten auf dem Kofferraum des Spielautos lag, er guckte nach oben in den Regen und leckte sich die Tropfen von den Lippen. Ich setzte mich auf die breite Fensterbank, über die Hugo normalerweise Pommes oder Schnitzel nach draußen zu den Touristen reichte, kurbelte die rotweiße Markise mit der eisernen Drehstange quietschend rein und raus und baumelte mit den Beinen. Ein Rentnerpaar, das unter einem großen Schirm mit dem Aufdruck „Schietwetter“ geduckt vorbeiging, sah uns an und schüttelte den Kopf. Wir hörten sie schlechtgelaunte Sätze wechseln, verstanden aber nichts. Vor ein, zwei Jahren wären wir noch ein friedliches Bild gewesen, wie wir da unentschlossen vor dem Imbiß hockten, mittlerweile schienen wir aber mehr und mehr zu dem zu werden, was die Alten als herumhängende Jugendliche bezeichneten. Ich sah zu Stefan, der wirklich nicht mehr wie ein spielendes Kind aussah, zumal er sich jetzt einen der gefundenen Zigarettenstummel anzündete, die er in seiner Parkatasche hortete. Die Zigarette ging gleich wieder aus, aber er hustete dennoch des längeren auf dem bißchen Qualm herum, das er erwischt hatte. „OK, wir gehen zu Sarah“, sagte ich.

Es war später Nachmittag, die Laternen gingen gerade an und wir traten routinemäßig eine nach der anderen wieder aus, wie wir es immer machten, wenn wir am Abend draußen waren. Wenn man kräftig genug gegen die Schaltkästen unten am Pfahl trat, ging die Laterne für zehn Minuten aus, manche blieben sogar noch länger ohne Licht. Hinter uns blieb die Straße dunkel, wir wechselten uns ab und machten jeder immer eine Laterne aus. Am Ende der Kaiserallee sahen wir, wie ganz hinten die ersten wieder flackernd angingen, das Licht blinkte ein paarmal unsicher rötlich-gelb, bevor es strahlend hell und weiß wurde. Ein Polizeiwagen fuhr vorbei, wurde langsamer und wir stellten uns kurz hinter einen Rhododendron am Straßenrand, bogen die Zweige mit den klatschnassen Blättern etwas zur Seite und sahen dem Wagen nach. Die Polizisten waren hinter den Scheiben des Autos nicht zu erkennen. Sie fuhren vorbei und bogen dann zum Strandbahnhof ab.

Der Godewindpark war menschenleer, die täglichen Entenfütterer waren schon wieder gegangen, aufgeweichtes Toastbrot lag noch am Rand des kleinen Sees, in dem vollgefressene Erpel schaukelten. „Guck mal“, sagte ich, „die haben keine Frauen da“. „Wir auch nicht“, sagte Stefan. Aber die Erpel haben wenigstens schon mal welche gehabt, dachte ich, sagte es aber nicht laut. Wir wußten zwar beide ziemlich genau über die Erfolglosigkeit des anderen Bescheid, ein Gesprächsthema war das aber natürlich nicht.

Der Regen wurde heftiger, es rauschte wild in den großen Bäumen des Parks und wir stellten uns eine Weile bei der Rotbuche unter, zwischen deren Ästen es schon fast nachtdunkel war. Wir froren beide, hüpften auf und ab und machten zum Aufwärmen ein paar Klimmzüge an den unteren Ästen, über die wir früher, als wir noch kleiner und leichter waren, in den Baum gestiegen waren. „Guck mal, der würde mich nicht mehr tragen“, sagte Stefan, während sich der Ast unter seinem Gewicht bedenklich weit nach unten bog.

Wir gingen weiter und bogen in das Steuerbord ein. Der Straßenname war bestimmt extra zum Entzücken der Besucher gewählt worden, wie auch die anderen in der Nähe des Parks, Backbord, Mittschiffs, Fallreep. Das Haus von Sarahs Vater lag dunkel, nicht einmal die Außenbeleuchtung war an. Wir stiegen über den Zaun und gingen um das Haus herum, sahen in Sarahs Zimmer, in dem nichts, gar nichts zu erkennen war und setzten uns dann auf das rostige Drahtgerüst der Hollywoodschaukel, deren Polster längst in den Schuppen geräumt worden waren. „Weißt du, wo sie ist?“, fragte Stefan. „Nein“, sagte ich, „sonst wäre ich ja nicht hergelaufen. Bei irgendeinem Blödmann aus der Realschule wird sie sein.“

„Na danke“ sagte Stefan, der auch zur Realschule ging, wie mir etwas zu spät einfiel. „Besser blöd und Freundin als Gymnasiast und gar nichts.“ „Mußt du gerade sagen“, antwortete ich und „ach, scheiße alles“, sagte Stefan, womit das Thema beendet war. Freundin war eine Steigerung von Mädchen zu der wir beide es noch nicht gebracht hatten. Und hätte es Sarah und ihre gelegentlich aufwallende Großzügigkeit nicht gegeben, hätte ich es nicht einmal zu einem Kuß gebracht, hätte ich nicht gewußt, wie langes Mädchenhaar duftet, hätte Arm in Arm nicht gekannt und auch nicht das vollkommen unsagbare und alle Vorstellungen sprengende Gefühl eines wenn auch bekleideten und sehr kleinen, aber doch unfaßbar weiblichen Busens, der sich bei einer Umarmung an meine Brust drückte. Das alles war mir Sarah und wäre ich mit Stefan nicht schon jahrelang befreundet gewesen, hätte ich ihm sehr übel genommen, daß Sarah das alles auch ihm war. Aber so, wie die Dinge lagen, hatte es sich einfach ergeben und geteilt haben wir ja ohnehin immer alles. Eine Freundin in dem neuen, aufregenden Sinne war sie weder ihm noch mir, eine Freundin war sie irgendwem oder auch gar keinem, wir wußten es nicht recht, sie sprach mit uns nicht einmal darüber. Wir trafen sie, weil wir uns immer zu dritt getroffen hatten, seit Jahren schon, aber wie es aussah, wurde die Lage mit so etwas schwieriger, wenn man älter wurde.

Aber hier gab es gerade ohnehin keine Sarah, nicht für ihn, nicht für mich, hier gab es nur ein dunkles Haus, um das der auffrischende Abendwind so unangenehm pfiff, daß wir anfingen zu zittern, auf dem abgewrackten, schwingenden Gartenmöbel, das bei allen Bewegungen ein leises Geräusch von sich gab, als würde man aus der Ferne einen Hund klagen hören.

„OK, gehen wir nach Hause“, sagte ich schließlich. „Ja“, sagte Stefan, „Supertag heute. Echt.“ Wir verabschiedeten uns und er bog in das Backbord ein. Ich wartete, bis er außer Sichtweite war, holte dann die Schachtel Lord aus der Tasche, die ich am Morgen vor dem Casino gefunden hatte und zündete mir eine an. Es waren nur noch drei Zigaretten in der Packung und man mußte es mit dem Teilen ja auch nicht maßlos übertreiben, fand ich. Ich rauchte ein paar Züge von den viel zu leichten Zigaretten, an denen man richtig saugen mußte, um irgendwas zu merken. Dann ging ich zurück zu dem Haus, kletterte wieder über den Zaun, setzte mich auf die zaghaft fiepende Hollywoodschaukel und wartete weiter. Vielleicht, dachte ich und versuchte, mir die Finger an der Zigarettenglut zu wärmen, vielleicht ist es alles doch nur eine Frage des Einsatzes.

Ich saß noch ziemlich lange dort.

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