Heute ein spezieller Tip für die Väter unter den Lesern, die genau wie ich Elternzeit genommen haben. Denn die Elternzeit, das soll hier nicht verschwiegen werden, hat auch Nachteile. Obwohl ich in der Regel eher fröhlich berichte – es ist nicht alles nur sonnig und heiter, es gibt durchaus auch ernstzunehmende Probleme, auf die Sie sich einstellen sollten. Zum einen der berufliche Nachteil, der auf der Hand liegt. Denn wie bitte soll man nach acht oder mehr Wochen Elternzeit einen normalen Bürotag überstehen, ohne ein bis zwei Nickerchen zu machen? Kann man überhaupt je in ein Leben ohne Mittagsschlaf zurückkehren? Fällt man nicht vielleicht nach vier Stunden einfach um? Kann man mit seinem Chef eine Übergangsregelung vereinbaren? Ich zweifele leise vor mich hin und sehe mit Grauen den langen, schlaflosen Stunden entgegen.

Zum anderen der schon während der Elternzeit eintretende Verlust an Ansehen in der Nachbarschaft und bei allen Freunden und Bekannten. Natürlich nicht wegen der Elternzeit an sich, die ist dem Image eher dienlich und gerade bei Frauen deutlich sympathiefördernd. Nein, man verliert seinen guten Ruf wegen der Kinderlieder. Das klingt seltsam, ist aber leicht zu erklären. Wenn man in der Kindergarteneingewöhnungszeit jeden Tag ein paar Stunden in einer Krippe zubringt, in der zwei bis vier Kindergärtnerinnen stetig und ausdauernd vor sich hin trällern, krallen sich die Strophen und Melodien dieser betont einfach gehaltenen Liedchen früher oder später unerbittlich im Gehörgang fest, belagern das Hirn und fordern nachdrücklich permanentes Absingen. Eines Tages werden Sie duschen und dabei unwillkürlich “Hei hei hussassa, der Herbst ist da” singen. Sie werden sich zunächst nur ein wenig wundern, wo Ihr treuer Frank Sinatra geblieben ist und zur Tagesordnung übergehen. Aber spätestens, wenn Sie es im Fahrstuhl schon wieder singen, werden Sie sich die ersten Sorgen machen und wenn Sie die Bäckerei betreten und dabei “hei hei!” schmettern, werden Sie merken, daß es zu spät ist. “Ich hab Hände, sogar zwei”, ein Satz, den man ganz prima im Treppenhaus singen kann, Stockwerk um Stockwerk, immer lauter werdend, mit jeder Strophe immer einen anderen Körperteil besingend, wie unter einem schrecklichen Zwang, nur unterbrochen durch ein sich dazwischendrängendes “Hei hei hussasssa!” auf den Treppenabsätzen. Wenn Sie zwischendurch stehenbleiben und genau hinhören, werden Sie bemerken, wie sich Wohnungstüren leise öffnen und schnell wieder schließen. Man beobachtet Sie.

Die Bäckereifachverkäuferinnen werfen Ihnen schon bald seltsame Blicke zu, wenn Sie in der Warteschlange vor der Latte-Macchiato-Ausgabe vermeintlich leise vor sich hinsummen und spätestens, wenn Ihnen beim Übergeben des Pappbechers ein verschwörerisches “Hussassa”, begleitet von einem liebevoll mütterlichen Lächeln mit auf den Weg gegeben wird, wissen Sie, was man nun von Ihnen hält. Achten Sie einmal darauf, wenn Sie auf der Straße von anderen Fußgängern überholt werden, man dreht sich nach Ihnen um. Man will natürlich wissen, wer da so penetrant “Gott hat alle Kinder lieb” durch das Viertel brummt. Man merkt sich Ihr Gesicht, man wird Sie wiedererkennen.

Sie können versuchen, dagegen anzugehen, bei mir allerdings hat nicht einmal minutenlanges Mitbrüllen von “We will rock you” zu einer Besserung geführt, was sicherlich ein schlimmes Zeichen ist. Etwas besser war es lediglich mit “Brown girl in the ring” von Boney M., allerdings kann man sich fragen, ob das wesentlich besser als “Hei hei hussasssa” ist, zumal es sich in beiden Fällen um ein Kinderlied handelt.

Nein, lassen Sie einfach alle Hoffnung fahren, singen Sie, was der Kindergarten Ihnen eingibt und ergeben Sie sich in Ihr Schicksal. Wer weiß, vielleicht findet sich wenigstens irgendwann eine attraktive Frau, die Ihr schelmisch gesungenes “Wo ist der Daumen, wo ist der Daumen” für ein prima Anmache hält. Viel Erfolg.

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