Man liest so viel von hochbegabten Kindern und von der Tragödie, die dadurch entsteht, daß gewisse Talente nicht rechtzeitig entdeckt werden. Diese Berichte finde ich vollkommen gerechtfertigt, schließlich bin ich auch hochbegabt und das wurde sogar bis zum heutigen Tage nicht entdeckt, von niemandem. Es ist nicht immer einfach, damit zu leben. Natürlich möchte man aber bei dem eigenen Sohn alles richtig machen und so nahm ich ihn in einer der letzten Stunden der Elternzeit beiseite, um mit ihm ein ernstes Vater-Sohn-Gespräch zu führen.

Ich setzte ihn auf meinen Schoß und gab ihm eines dieser Steckspiele, bei denen man kleine Holzklötze in runder, dreieckiger oder quadratischer Form durch ebenso geformte Löcher in einen Kasten stecken muß, die meisten werden so etwas sicher kennen. „Höre, Sohn“, sagte ich, „solltest du ein Wunderkind sein, so stecke einfach diesen dreieckigen Klotz in das richtige Loch.“ Der Sohn nahm den Klotz, leckte ein wenig daran herum und steckte ihn, nachdem er enttäuscht festgestellt hatte, daß er nicht aus Zucker war, quer in das quadratische Loch. Weil er dort nicht paßte, haute er mit beiden Fäusten etwas darauf herum. „Ich will dich natürlich nicht überfordern“, sagte ich, „ich mache es dir vielleicht lieber einmal vor.“

Und ich nahm den Klotz und führte ihn durch das richtige Loch in den Kasten, nahm ihn wieder heraus, steckte ihn wieder hinein, nahm ihn wieder heraus und suchte dann den Sohn, der zwischenzeitlich dazu übergegangen war, interessiert in seinen Bilderbüchern zu blättern. „Konzentration!“, sagte ich und hielt ihm den Klotz hin, „das ist hier natürlich nur ein Spiel. Aber, unter uns gesagt, so ein Ding ins richtige Loch stecken, das können auch minderbegabte Halbaffen drei Tage nach der Geburt.“ Der Sohn guckte unwillig von seinem Buch hoch und schob meine Hand weg. Ich rasselte fröhlich mit dem Kästchen, in dem das runde und das viereckige Teil herumpolterten und hielt ihm wieder das dreieckige Exemplar hin. Er nahm den Klotz und ging entschlossen aus dem Kinderzimmer, ich hörte es in einem anderen Teil der Wohnung klappern, dann kam er ohne das Ding zurück und las weiter.

Er hatte, wie ich dann feststellte, den Klotz ins Klo geworfen. Der Junge ist ein Genie.

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