An der Ampel steht neben mir ein kleines Mädchen, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Rosafarbene Jacke, passende Hose, Glitzerspangen im Haar und ein kleiner Ranzen, auch in Rosa, auf dem gezeichnete Elfen herumwirbeln. „Es ist noch rot“, sagt sie zu mir und zeigt auf die Ampel, für den Fall, daß ich sie übersehen könnte. Sie steht etwas vorgebeugt, die Arme vor dem Bauch verschränkt. Der Oberkörper wippt hin und her, das Mädchen biegt sich, krümmt sich, die wird doch hier nicht gerade Magenkrämpfe kriegen, denke ich. Das Mädchen richtet sich wieder auf, macht die Winterjacke oben ein ganz kleines Stück auf und spricht in den Ausschnitt: „Nein, das geht jetzt nicht. Wir sind noch nicht da.“ Dann macht sie die Jacke wieder zu, drückt die Arme fester an den Bauch und sagt noch einmal mit Nachdruck: „Neihein! Jetzt nicht!“.

Es wird grün, sie geht neben mir über die Straße, auf der anderen Seite bleibt sie stehen und sagt in leicht verzweifelter Stimmlage wieder in Richtung ihres Bauches: „Aber ich hab doch nein gesagt!“ Dann guckt sie noch einmal vorsichtig unter ihre Jacke und ich höre ein resigniertes „Na gut. Aber nur mal gucken. Ganz kurz! Und dann wieder rein!“

Sie macht ihre Jacke auf und holt eine kleine weiße Plüscheule darunter hervor, die mit großen Augen in die fremde Umgebung guckt. „Nur mal gucken“, sagt das Mädchen noch einmal und „aber nicht wegfliegen, bitte, nicht wegfliegen.“ Dann setzt sie die Eule auf ihre Hand und hebt sie über den Kopf.

Sie guckt hoch zu ihrer Hand und auf die Eule darauf und sieht jetzt aus, als würde sie sich das Weinen verkneifen, denn sie ist ja nicht doof und sie weiß es eigentlich ganz genau: Es ist eben eine Eule. Natürlich fliegt die weg.

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