Auf der Straße, die zu unserem Haus führt, liegen Hunderte von Flugblättern, teils noch bündelweise, weiß, gelb, rot, zerknüllt, zerrissen, von Feuerwerk zersprengt, angesengt, vom Wind in den Kirchhofzaun getrieben. Auf den Flugblättern wird Sozialismus gefordert, man liest was von der Weltrevolution, von Klassen und von Kampf und man wundert sich zunächst. Doch schon soviel Krise, daß hier, zwei Straßen hinter dem Grand Hotel Atlantic, das Proletariat wieder Flugblätter verteilt?
Es ist aber nur so, daß die Jugendlichen aus dem Block die letzten Drucklieferungen für den kleinen sozialistischen Verlag im Souterrain gegenüber gestern Nacht in Silvesterlaune zerfleddert haben. Zu meiner Zeit hätten wir ja eher die Lieferungen für das Atlantic geplündert, aber nun ja, die Zeiten ändern sich wohl.

Das Eis auf der Alster ist dünn und brüchig, es reicht nur eben aus um die Hunde zu tragen, die darauf ungeschickt umherrutschen und nebenbei auf den Holzstengeln der Silvesterraketen kauen. Herrchen und Frauchen debattieren am Ufer: “Wenn das bricht, dann holst du ihn aber raus.” “Nee, wieso ich denn?!”

Im Hauptbahnhof steht eine verfrorene Berliner-Verkäuferin in einem zugigen Bäckers tand und zischt die desinteressierten Passanten schlecht gelaunt an: “Billiger wird’s nicht, mein Gott!”

Vor den Regalen mit den Taschenbüchern im Presse-Zentrum steht eine Frau mit silbergrauem Pagenschnitt neben mir und fährt mit dem Finger über die Buchrücken: “Böll… Böll… meine Güte noch ein Böll! In einer Bahnhofsbuchhandlung! Das muß doch nicht sein!”

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