Die Bilderbücher für Kleinkinder sind durchweg der heilen Welt aus seliger Vergangenheit verhaftet, weswegen der Nachwuchs noch heute in dem Glauben groß wird, es gäbe irgendwo da draußen romantische Bauernhöfe, auf denen sich im sonnigen Hof eine Kuh mit einem Schwein unterhält, während ein paar Hühner fröhlich um sie herum golden leuchtende Körner aufpicken, die eine pummelige Bauersfrau in bunter Tracht gerade lässig mit einem Reisigbesen zusammenfegt. Tatsächlich sieht zwar nicht einmal der nächste Demeter-Hof auch nur annähernd so aus, aber das scheint keinen zu stören. Es sind nicht einige wenige Bilderbücher, in denen es um Bauernhöfe geht, es sind sehr viele. Kinder brauchen Bauernhöfe, mag der eine oder andere denken. Ich weiß nicht recht.

Wir leben im Zentrum einer Millionenstadt, hier gibt es Hunde und Tauben und Enten und sonst nicht viel mehr Getier. Es gibt hier auch keine Felder, keine Äcker und keine Scheunen voller Heu. Aber vielleicht ist es aus irgendeinem Grund trotzdem pädagogisch wertvoll, dem Kind jeden Tag Bilder von Strohballen und Mistgabeln zu zeigen. Wenn es dann später im Leben in einem irgendeinem heimatkundlichen Museum endlich einmal eine richtige Mistgabel sieht, dann kann es immerhin vergnügt in seinen frühen Kindheitserinnerungen kramen und sich denken: „Ah, da war doch was“.

Wenigstens haben wir dem Sohn schon die eine oder andere Kuh in Wirklichkeit vorführen können, die stehen in der freien Natur vor den Toren der Stadt noch erfreulich häufig herum, man muß nicht einmal die Autobahn verlassen, um sie zu sehen. Entsprechend nimmt der Sohn Kühe in Bilderbüchern billigend in Kauf und glaubt uns auch wohlwollend das „Muh“, obwohl er es vermutlich noch nie gehört hat. Ein Schwein allerdings kennt er nicht aus der Wirklichkeit, entsprechend straft er alle Bilderbuchseiten, auf denen Schweine abgebildet sind, mit Verachtung. Schweine kommen aber leider als Besichtigungsobjekt in der Wirklichkeit nicht allzu oft vor, man findet hier in der Nähe nur noch die zerteilten Häppchen an den Frischetheken – und ich möchte mich nicht mit dem Bilderbuch neben eine Supermarktkühltruhe stellen und dem Sohn erklären, daß es sich bei den Plastikschalen dort um ein Schwein handelt, nur eben in Teillieferungen.

Das Vorführen von Hängebauchschweinen im Wildpark hat nichts gebracht, die sind aber auch nicht leuchtend rosa, viel zu klein und sehen überhaupt sehr anders aus als auf den Abbildungen und auch einem Kind von nur siebzehn Monaten kann man nicht einfach alles glaubhaft machen. Das soll ein Schwein sein? Man macht sich gar keinen Begriff, wie abgrundtief skeptisch Menschen schon in frühester Kindheit gucken können.

Wir fahren morgen für ein paar Tage in das Heimatdorf der Herzdame und suchen im wilden Nordostwestfalen nach einem Biobauern, der noch herumlaufende Schweine hat, was ja nicht allzu häufig vorkommt, denn Schweinemast findet meist hinter verschlossenen Türen statt. Wir stellen uns dort bei den glücklichen Schweinen an den Zaun, zeigen auf die Viecher und wiederholen das Wort „Schwein“ bis es der Sohn garantiert verstanden hat. Wir müssen uns, um Vorkommnisse wie bei dem Trecker zu vermeiden, nur noch eben einigen, ob das Schwein „oinkoink“ macht oder quiekt oder grunzt. Und dann geht’s los. Endlich wieder eine spannende Wochenendunternehmung – wir werden berichten.

Das Wochenhoroskop erscheint morgen wie gewohnt drüben im Westen, nur ohne weitere Meldung hier. Viel Spaß damit und bis bald.

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