Das Thema Autokauf hat uns noch eine Weile lang verfolgt, bis wir am Wochenende beschlossen haben, den alten Benz einfach noch solange zu fahren, bis er komplett auseinanderfällt. Das spart Geld und auch die Entscheidung für ein anderes Modell. Es war uns vorher gar nicht klar, daß es bei dem Thema Auto zu etwas kommen kann, was Scheidungsrichter wohl gerne als „unüberbrückbare Gegensätze“ bezeichnen, aber nun wissen wir das sehr genau. Die Herzdame möchte ein Auto im Mikroformat, ich möchte am liebsten ein Wohnmobil oder doch einen kompakten Siebensitzer und über die Kompromißfähigkeit von Nordostwestfalen sollte man nicht zu lange nachdenken.

Immerhin haben wir gemeinsam einen Tag lang Neuwagen besichtigt, wobei wir einen fachkundigen Freund, der uns begleitete,  durch unsere geradezu dramatische Uneinigkeit wahrscheinlich über Gebühr strapazierten.  Überraschenderweise war das Schwerste dabei aber nicht die Diskussion über die Eignung von Modellen, nein, das Schwerste war, den Sohn nach erfolgter Besichtigung wieder aus den Autos zu bekommen, wo er wild hüpfend hinter dem Steuer stand und begeistert an allen erreichbaren Schaltern drehte. Er ist, im krassen Gegensatz zu seinen beiden Eltern, ein leidenschaftlicher Autonarr. Läuft durch Autohäuser, winkt Verkäufern zu, zeigt auf die Ausstellungswagen und ruft vor jedem begeistert „Auto!“.  Kann Autotüren öffnen, an Gangschaltungen ruckeln und bei gewissen Modellen sogar vom Kofferraum zum Steuerrad durchkrabbeln. Nach dem vierten oder fünften Autohändler hatten die Herzdame und ich genug, der Sohn hätte gerne noch ein paar andere Marken getestet.

Am nächsten Morgen, auf dem Weg zur Kita, stürzte der Sohn begeistert auf das nächstbeste Auto los, einen Mercedes der obersten Kategorie, und rüttelte wild an der Fahrertür: „Auto!“ Großartig, dachte ich, gleich geht der Autoalarm los und weckt den ganzen Stadtteil auf. Ich zog von hinten am Kind, um es von der Gefahrenquelle zu entfernen, woraufhin das von der Natur in den Sohn eingebaute Alarmsystem losging. Das Kind schrie, als würde ich es auf offener Straße meucheln, in den Wohnungen ringsum gingen nach und nach Lichter an. Ich zog das Kind ein paar Meter weiter, es lief wie ferngesteuert auf einen Mazda zu. Der Weg zur Kita ist kurz, aber gemessen an der Zahl der am Wegesrand parkenden Fahrzeuge doch erstaunlich lang. Ich gehe jetzt immer eine halbe Stunde früher los.

Am Nachmittag war der Sohn bei seinem besten Kumpel zu Besuch, wo er im Kinderzimmer einen gelben Spielzeugporsche fand, einen kleinen 911er.  Diesen drückte er jauchzend an sein Herz, nicht gewillt, ihn jemals wieder loszulassen. Der beste Kumpel wurde durch großzügiges Überlassen des Schnullers bestochen, die Mütter durch panisches Klammern beeindruckt, der Porsche wurde ihm schließlich leihweise überlassen. Als ich von der Arbeit kam, winkte er mir schon im Flur mit dem Auto zu. „Sohn“, sagte ich, „kein Mensch mit Geschmack und Verstand würde jemals einen gelben Porsche fahren.“ „Auto!“ antwortete der Sohn, ohne sich die Freude trüben zu lassen.

Das Abendbrot war schwer für ihn, denn er konnte nur einhändig essen, er hätte sonst den Porsche loslassen müssen und er ahnte die Gefahr. Der Klammergriff wurde auch beim abendlichem Umziehen und Waschen nicht gelöst, noch im Bett schmiegte sich die Kinderwange eng an das gelbe Blech.  „Auto“, murmelte er im Einschlafen und seine Finger drehten noch die kleinen Räder, als er schon längst im Traumland war.  „Er ist beim Autokauf eindeutig für die Porscheoption“, sagte die Herzdame.

Nachts um vier wurde ich durch seltsame Geräusche aus dem Kinderzimmer geweckt, ich ging knurrend hinüber, um nachzusehen. Der Sohn stand hüpfend im Bett und hielt den Porsche in einen Strahl Mondlicht, blaß glänzten die Felgen vor seinen weit aufgerissenen Augen. „Sohn“, sagte ich, „wir müssen reden.“

Und ich nahm ihn auf meinen Schoß und zeigte auf das kleine Auto in seiner Hand. „Erstens fahren nur Makler gelbe Porsches. Ich aber verdiene mein Geld halbwegs redlich, daher kommt dieser Wagen für uns nicht in Frage. Und zweitens ist er zu klein für eine vierköpfige Familie.“ Ich boxte ihm verschwörerisch in die Rippen.  Der Sohn auf meinem Schoß war aber im Laufe der Rede schon wieder eingeschlafen, den Porsche an seine Lippen gedrückt, die zu einem seligen Lächeln verzogen waren.

Aber er kann später nicht behaupten, wir hätten es ihm nicht rechtzeitig gesagt.

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