Eduard von Keyserling: Sommergeschichten. Herausgegeben von Klaus Gräbner. Eduard von Keyserling kennt ja heute kein Mensch mehr, was ich für sehr bedauerlich halte. Lesen Sie zum Beispiel auch einmal seinen Roman „Wellen“ und ignorieren Sie um Gottes Willen die grottenschlechte Verfilmung, wenn Ihnen die im Fernseher über den Weg laufen sollte. Keyserling ist ein Genuß. Die erste der Geschichten in dem Band, „Osterwetter“, beginnt so:

„Am Nachmittage dieses Ostersonntages war das Haus ganz still geworden. Alles drängte hinaus in den Frühling, der so überraschend, fast gewaltsam, während der Festtage über das Land gekommen war. Nur Frau Malwida von Albesch ging ein wenig ruhelos in ihren einsamen Zimmern auf und ab. Sie hörte zu, wie die resedenfarbeneSeide ihrer Schleppe auf dem Parkett leise rauschte; wie die Goldsächelchen, die sie an sich trug, sachte klingelten. In der Elastizität ihres Ganges lag etwas, das ihr selbst wohltat. Sie fühlte sich fast schlank. Und dann empfand sie es heute wieder wie einst in jüngeren Jahren als etwas Körperliches, das ausstrahlt und wärmt, daß sie schön und stattlich war.“

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