Neu auf dem Nachttisch

Truman Capote: Sommerdiebe. Aus dem Amerikanischen von Heidi Zerning. Der Roman, der erst 2004 im Nachlaß des Dichters entdeckt wurde, war sein Erstling und beginnt so:

“Du bist ein Rätsel, mein Liebes”, sagte ihre Mutter, und Grady, die versonnen duch einen Tafelaufsatz mit Rosen und Farn über den Tisch blickte, lächelte nachsichtig: ja, ich bin ein Rätsel, und der Gedanke gefiel ihr. Aber Apple, acht Jahre älter, verheiratet und alles andere als rätselhaft, sagte: “Grady ist dumm, weiter nichts; ich wünschte, ich könnte mitkommen. Stell dir vor, Mama, nächste Woche um diese Zeit wirst du in Paris frühstücken! George verspricht immer, daß wir hinfahren… aber ich weiß nicht.” Sie schwieg und sah ihre Schwester an. “Grady, warum in aller Welt willst du mitten im Sommer in New York bleiben?” Grady wünschte, die anderen würden sie in Ruhe lassen; immer dieses Nachhaken, dabei war nun endlich der Tag gekommen, an dem das Schiff auslief: was gab es da noch zu sagen, über das hinaus, was sie schon gesagt hatte?”

Neu auf dem Nachttisch

Und auch gleich wieder weg, da nur quer gelesen, das war eher nicht mein Fall: Daniel Kehlmann mit “Der fernste Ort”. Die Novelle erschien zuerst 2001 und beginnt so:

“Seien Sie vorsichtig!” Der Mann an der Rezeption sah Julian neugierig an. “Voriges Jahr ist jemand ertrunken. Einfach nicht zurückgekommen. Man bemerkt es nicht gleich, aber die Strömungen…”
“Sicher”, sagte Julian, “sicher!”
“Er wurde nie gefunden.”
Julian nickte zerstreut und legte das Handtuch über seinen Arm. Die Drehtür setzte sich surrend in Bewegung und gab ihn frei. Die Sonne stand bereits niedrig. Ein Mann mit einem Strohhut ging gebückt vorbei, ein dickes Kind warf mit beiden Händen einen Fußball nach dem Stamm einer Palme, verfehlte ihn und sah hilflos zu, wie der Ball den Hang hinabrollte.