Hugo machte Frühjahrsputz in seinem Imbiß und Stefan und ich saßen auf den weißen Plastikstühlen davor und sahen ihm zu. Er schob gerade die neue Eiskarte in den Aufsteller und wir konnten es nicht glauben, daß sie wirklich ein Eis „Flutschfinger“ genannt hatten, aber so stand es da tatsächlich und das Eis sah auch genau so aus, wie es hieß. Stefan kicherte vor sich hin, ich fragte Hugo, ob er schon Eis da hätte. „Nein“, sagte er, „Eis kriege ich morgen. Werde heute erst die Truhe anwerfen.“ Er schob den wackeligen Aufsteller mit dem Fuß vor die Tür und fing an, die Tische im Innenraum abzuschrubben.

Sein alter Collie lag auf der Türschwelle und stöhnte gelegentlich im Schlaf, auf dem Dach der Bude saß eine Möwe und sah erwartungsvoll zu uns herunter. Wahrscheinlich erinnerte sie sich noch an die Pommes vom letzten Jahr. „Ihr könntet mir auch helfen, statt da nur herumzusitzen“, sagte Hugo und sah uns über einen nassen Tisch hinweg an. „Fünf Mark für jeden.“ Er warf seinen Lappen in den Eimer mit dem Putzwasser. „Und morgen einen Flutschfinger, ihr kleinen Perverslinge“. „Vorkasse“, sagte ich und hielt die Hand auf, Stefan machte es mir nach.

Es war kurz vor Ostern und es wurde höchste Zeit, Travemünde wieder vorzeigbar zu machen, überall wurde gearbeitet. Vor den Restaurants wurde die Bestuhlung neu aufgebaut, Fensterläden wurden von Imbissen geschraubt, unten am Strand hörte man die Motoren der kleinen Laster, mit denen die Strandkörbe ausgefahren wurden. Verblichene Speisekarten in Glasvitrinen vor Restaurants wurden getauscht gegen neue Blätter, Kellnerinnenschönschrift mit frischer Tinte. Blumenkübel wurden bepflanzt, kleine Trecker zogen Anhänger voller Blühpflanzen über die Promenade und hinterließen eine bräunliche Spur aus Blumenerde, an der Hunde interessiert schnüffelten. Der Tag war sehr hell und sonnig und das Licht war noch ungewohnt, nach den langen trüben Regenwochen im März. Der Ostwind war böig und eiskalt, aber wenn man eine sonnige und geschützte Ecke fand, hätte man plötzlich meinen können, es wäre schon Sommer, so stark war die Sonne schon. Auf der Promenade gingen Touristen in Wintermänteln, Übergangsjacken oder T-Shirts, man sah Babys in Schneeanzügen und daneben Kleinkinder, die schon barfuß liefen. Wie immer, wenn der Frühling nach Travemünde kam, wußte man nicht, was man anziehen sollte, alle paar Meter hätte man sich umziehen können, je nach Wind und Wolken. Auf den Bänken an der Promenade saßen Renterinnen in Pelzmänteln, das Gesicht in die Sonne gedreht, riesige Sonnenbrillen ins silberne Haar geschoben.

Ich stieg über den Collie hinweg in den schummerigen Innenraum des Imbisses, in dem es nach sehr altem Fett roch und ein wenig auch nach Sonnenöl, Gummi und Bier. „Macht ihr mal die Tische weiter“, sagte Hugo, „ich fang dann an, die Waren einzuräumen.“ Er machte die Hintertür auf, vor der sein alter Kombi parkte, und wuchtete Kartons mit Süßigkeiten, Pflegeprodukten, Spielzeug und Comics in den kleinen Abstellraum neben der Küche, wo sich schon etliche Zeitschriftenbündel stapelten. Ich drehte mit Stefan Tische um, wischte daran herum und sah zu, wie sich der Collie genüßlich streckte und in die Sonne blinzelte. Sein Fell sah staubig und stumpf aus. Stefan spritze Wasser in die Richtung des Hundes, aber der war so leicht durch nichts zu beeindrucken. Er war im Laufe seines Lebens von so vielen Touristenkindern rücksichtslos bespielt worden, daß er eine Art Autist geworden war, der nur noch sehr begrenzt wahrnahm, was in der Außenwelt geschah. Wenn Hugo abends das Licht im Imbiß ausmachte, stand er langsam auf uns sprang in den Kombi, viel mehr Aktion war bei ihm nicht mehr zu erwarten. „Laß den Hund in Ruhe“, sagte Hugo zu Stefan, „wenn du was zum Spielen braucht, lach dir ein Mädchen an. Wird doch mal Zeit.“ „Haha“, sagte Stefan, und sah auf die menschenleere Liegewiese vor dem Imbiß, „keine Mädchen da, wie es aussieht.“ Auf der Liegewiese gingen ein paar Angestellte der Kurverwaltung auf und ab und pickten herumfliegenden Müll auf. Menschen, die sich dort in die Sonne legten, gab es noch nicht. Der Boden war eiskalt und ohne Windschutz hielt man es eh nicht aus. Jemand hämmerte ein neues Schild mit „Kurtaxe!“ in den Wiesenboden.

„Mädchen kommen schon“, sagte Hugo, „Osterferien. Nächste Woche schon, keine Sorge. Frische Touristen, frische Mädchen. Gut für euch, gut für mich.“ Er bückte sich nach einem Karton mit Butterkeksen. „Aber im Gegensatz zu euch“, sagte er stöhnend und wuchtete den Karton auf den Verkaufstresen, „weiß ich, was sie wollen.“ Und er packte händeweise Lakritzschnecken, Weingummischnuller und weiße Mäuse in Holzkästen mit großen „10 Pfennig“-Aufklebern.

„Vielleicht kommt die Blonde wieder“, sagte Stefan und sah auf eine idiotische Weise verträumt aus dabei, „die mit den vielen kleinen Geschwistern. Die mit dem komischen Dialekt.“ Er meinte ein Mädchen, dem wir im letzten Jahr wochenlang nachgelaufen waren, weil Stefan sie unbedingt ansprechen wollte, was er aber dann doch nicht tat. Es war eigentlich mehr eine Art von Beschattung als eine Beziehungsanbahnung. Mir war das Nachlaufen trotzdem sehr recht, da man dabei wenigstens im Ort herumkam und oft genug an der kleinen Asia-Boutique vorbeikam, in der Sarah neuerdings jobbte. Wenn wir sie sahen, mußten wir natürlich auch kurz mit ihr reden und zwischendurch immer mal wieder klarstellen, mit welch phänomenalem Erfolg wir reihenweise kleine Touristinnen kaperten. Da Sarah uns beide aus nicht weiter nachvollziehbaren Gründen verschmäht hatte und schamlos mit einem halbstarken Idioten aus der billigeren Hochhausregion im Hinterland des Ortes herummachte, mußte sie nun auch mit den Folgen leben – was ihr allerdings verblüffend gut gelang. Obwohl Stefan und ich uns als eher routinierte Lügner sahen, schien Sarah uns die Erfolge bei den Touristinnen doch nicht recht zu glauben, nicht einmal an dem Glückstag, an dem wir beide tatsächlich mit zwei Mädchen aus Frankfurt am Strand herumknutschten, zumindest solange, bis die beiden das Gelächter ihrer Klassenfahrtgruppe nicht mehr aushielten. Der Spott war aus Sarahs Gesichtszügen schon seit einem Jahr einfach nicht mehr wegzudenken, seit sie mit diesem Typen zusammen war und wir immer noch keine Freundinnen vorzuweisen hatten. Sie sah uns mit einem seltsamen Große-Schwester-Blick an, dabei war sie ein Jahr jünger als wir.

Die Blondine jedenfalls, soviel stand fest, würde natürlich nicht wiederkommen, sie kamen sehr selten ein zweites Mal. „Nein“, sagte ich, „die kommt nicht mehr. Neues Spiel, neues Glück“. Irgendwann, so kannten wir es aus Film und Fernsehen, irgendwann würde ein Frühling kommen, in dem wir tatsächlich Glück haben würden, ein Frühling mit schönen Mädchen, Umarmungen, Küssen, und – gar nicht auszudenken – Sex. Ein Frühling wie in der Eiscrèmewerbung, ein Frühling mit fröhlichem Soundtrack. Dieses Glück, das doch jedem irgendwann zuzustehen schien, selbst den Deppen aus den Hochhäusern, das hatten wir eigentlich schon im Vorjahr als überfällig betrachtet und wenn wir ganz ehrlich waren, auch im Jahr davor. Dieses Jahr, das lag also auf der Hand, dieses Jahr würde es soweit sein. Mit jedem Reisebus, der in Travemünde vor einem Hotel ankam, mit jedem Zug, der am Strandbahnhof hielt, mit jedem parkenden Auto aus dem Binnenland stieg die Wahrscheinlichkeit, daß unsere künftigen Saisonpartnerinnen uns endlich über den Weg laufen würden. Im Grunde war es nur eine Frage von Tagen. Man mußte jetzt nur dauernd draußen sein, unterwegs sein, dem Schicksal eine Chance geben. Jede Stunde, die man noch drinnen verbrachte, war sinnlos verschenkt. Hausaufgaben konnte man auch morgens im Bus nach Lübeck machen, die Zeit mußte reichen, wer würde für Hausaufgaben auf eine Strandstunde verzichten wollen? Man mußte unbedingt draußen sein – oder natürlich in einem Imbiß. Denn da landeten sie alle irgendwann, jede wollte früher oder später ein Eis oder Pommes, Sonnenschutzcrème oder einen Wasserball. Wenn man bei Hugo nur lange genug saß, konnte man einfach die Parade abnehmen. Man konnte selbst ein Eis essen – nicht unbedingt Flutschfinger – man konnte einfach auf einer Bank sitzen, warten und gucken. Man mußte natürlich dabei versuchen, wie ein Einheimischer auszusehen, denn das mußte ja unweigerlich attraktiv auf die Mädchen aus dem Landesinneren wirken. Es war nicht eben einfach, wie ein Einheimischer auszusehen, wenn man nur eine Badehose anhatte, wie alle anderen auch, aber wenn man oft und laut genug den alten Hugo mit „Du“ ansprach, dann konnte man doch vielleicht deutlich machen, daß man etwas Besonderes war und nicht nur irgendein dahergelaufener Touristensohn.

Weder Stefan noch ich wären damals auf die Idee gekommen, daß wir gar nichts Besonderes waren. Immerhin waren wir Travemünder, also – das konnten sich andere ja gar nicht vorstellen – wir lebten da. Mit Winter und so. Immer. Das hätte uns schon etwas Vorsprung vor den Jungs aus Bochum sichern sollen, dachten wir, ohne daß es uns die Erfahrung jemals bestätigt hätte.

Ein Reisebus hielt auf dem Parkplatz am Ende der Liegewiese. Passagiere stiegen aus, streckten sich, setzten Sonnenbrillen auf, zogen Jacken an, reichten sich Zigaretten, machten Coladosen auf und schlenderten zur Promenade, wo sie sich über das Geländer beugten und auf ein auslaufendes Fährschiff zeigten, das groß und wuchtig hinter den ersten Segelbooten vorbeizog. Ein Grüppchen löste sich vom Bus und kam auf den Imbiß zu. „Wir geben nix“, murmelte Hugo, der sich an das Fensterbrett gelehnt hatte und auf den Parkplatz sah. Die Touristen blieben unentschlossen vor dem Imbiß stehen, sie schienen nicht recht zu wissen, ob er geöffnet war oder nicht. Sie sahen uns darin, aber sie sahen auch die Putzeimer und die eben erst demontierten Fensterläden, die noch an den undekorierten Schaufenstern lehnten. Ein Mädchen in unserem Alter kam schließlich zur Imbißtür, ein blondes Mädchen und je näher es kam, desto mehr konnten wir staunend sehen: ein sehr schönes, blondes Mädchen. Das war ja mal ein netter Frühling, der so begann. „Habt ihr offen?“ fragte das Mädchen von draußen und versuchte, im halbdunklen Innenraum etwas zu erkennen. Stefan und ich warfen die Lappen in den Wassereimer und standen auf. „Nein“, sagte Hugo durchs Fenster, „heute noch nicht.“ „Schade“, sagte das Mädchen und sah erst lange auf die Eiskarte, dann auf den Collie, der reglos daneben lag. Sie streckte eine Hand halb nach dem Hund aus, bückte sich etwas und sah uns unschlüssig an. „Beißt der?“ „Nein, nein“, sagte ich, „der ist doch schon tot.“ Das Mädchen richtete sich mit einem Ruck auf, gab ein verächtliches Zischen von sich und ging zu den anderen zurück. „Charmant“, sagte Hugo zu mir, „sehr charmant. Du hast es echt raus.“

Stefan bückte sich nach dem Eimer und fischte den Lappen heraus. Hugo schob Kartons mit dem Fuß über den Boden und der Collie klappte im Schlaf ein Auge halb auf, man sah nur das Weiße darin und er sah jetzt tatsächlich sehr tot aus. Die Passagiere aus dem Bus unten stiegen über die Wellenbrecher zum Wasser hinunter, krempelten Ärmel und Hosen hoch, hielten Hände und Füße in die Wellen, kreischten und zogen sie schnell wieder heraus, das Meer war natürlich noch eiskalt.

Der Frühling war noch sehr lang und niemand hatte gesagt, daß die erste Begegnung ein Treffer sein mußte. Mehr Busse würden kommen, viel mehr. Dann würde es Sommer werden, mit noch mehr Bussen, noch mehr Zügen, Mengen von Touristen. Es war eine reine Frage der Wahrscheinlichkeit, daß es irgendwann passieren mußte.

„Für fünf Mark“, sagte Hugo, „könnt ihr euch aber schon ein bißchen mehr bewegen.“

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