Wir waren über Ostern nicht nur an der Alster, wir waren auch im Heimatdorf der Herzdame, und diesmal hat der Sohn zum ersten Mal das Landleben richtig genossen. Zum ersten Mal beim Aufwachen schon gewußt, daß er sofort zum Hasenstall rennen kann, zum ersten Mal Schnecken im Gras gesucht, zum ersten Mal Treckern nachgelaufen, durch Gräben gehüpft, Schmetterlinge bestaunt, sich an Osterfeuern gewärmt.

Und dann noch ein anderes, ganz besonderes erstes Mal. Gewissermaßen ein Gruselklassiker.

Da steht ein Haus nicht weit vom Haus der Großeltern, das ist anders als die anderen Häuser im Dorf. Größer. Abgelegener. Fensterlos. Es hat eine riesige Tür und die Tür steht halb auf. Von innen hört man seltsame, mahlende Geräusche und ein Klimpern und Rasseln wie von wuchtigen Ketten. Der Sohn zeigt auf das Haus, sieht mich fragend an und ich sage „na, geh ruhig gucken“ und er geht langsam vorwärts, über einen Sandweg auf diese riesige Tür zu. Tappt Schritt für Schritt näher. Dreht sich nach mir um, guckt wieder nach vorne. Es ist fast dunkel in dem großen Haus, der Sohn lehnt im schummerigen Licht am Türpfosten, denkt nach. Zögert ein wenig, dann schiebt er langsam einen Fuß in den Innenraum, dann ein Bein. Ein bestialischer Gestank weht ihn an, es ist warm da drin, sehr warm und es ist ein Geräusch in der Luft wie ein vielfaches Atmen monströser Gestalten. Der Sohn guckt angestrengt ins Halbdunkel und allmählich erkennt er genau über sich – wenn er die Hand ausstrecken würde, ach, gar nicht auszudenken –genau über sich erkennt er einen Kopf, der größer ist als er selbst, ein ungeheurer Kopf mit suppentassengroßen Augen, irrwitzig über die Stirn fallenden Locken schlammverklebter Haare, Nasenlöchern wie Höhleneingängen und einem Maul, aus dem es in schaumigen Flocken vor seine Füße tropft. Der Sohn steht starr und merkt im selben Augenblick, hinter diesem Kopf, hinter diesem Wesen, da stehen noch mehr von dieser Art – viel, viel mehr. Und jetzt, wo er da im Eingang steht, kommt Bewegung in die Menge, Köpfe drehen sich ihm zu, die eben noch ganz im Dunkeln waren, sie schieben sich durch Eisenstangen, sie rucken an Ketten, daß es klirrend durch die Halle lärmt, sie wollen ihn sehen, den kleinen Eindringling.

Und der Sohn, der sich an seine Fremdsprachenlektionen zuhause wohl erinnert, er nimmt sein bißchen Mut zusammen, guckt dem Wesen über sich fest ins Auge, lächelt so verbindlich wie er nur kann und sagt dann leise zu der Kuh: „Muh?“

Und die Kuh tut ihm tatsächlich den Gefallen, zur Antwort ein freundlich dröhnendes „Muh!“ von sich zu geben. Dem Sohn gefällt das Landleben.

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