Es ist halb sechs, auf dem Spielplatz tauchen nach und nach einige Väter auf, die von der Arbeit kommen. Man kennt sich, man grüßt, man tauscht ein paar Sätze. Anzughosen werden staubig, Büroschuhe werden sandig, abgestellte Aktentaschen werden von hungrigen Dreijährigen geplündert.

Ein junger Mann, der bei einer namhaften Unternehmensberatung arbeitet, setzt sich neben mich auf den Sandkastenrand und bestaunt das Spielzeug seines kleinen Sohnes. Ein bunter Plastikkasten. Auf zwei Außenwänden ist jeweils eine große Uhr mit dicken Zeigern angebracht, die Zeiger kann man verstellen. Die Seiten mit den Uhren lassen sich öffnen, man sieht deutlich die Scharniere und die verschlossenen Riegel. Der Unternehmensberater fummelt an den Schlössern herum, erst nur nebenbei, während wir uns unterhalten, dann konzentriert. Er bekommt den Kasten nicht auf. Er sieht sich die Schlösser ganz genau an, er schüttelt den Kasten, er versucht, seine Fingernägel in den Schlitz zwischen Schloß und Kastenwand zu bekommen, er pult schließlich mit einem alten Eisstiel daran herum. „Das ist ja ein Ding“, sagt er und ich merke, es ist ihm ein bißchen peinlich, daß er das dumme Spielzeug nicht knacken kann. „So etwas sollten wir vielleicht mal für Vorstellungsgespräche nehmen“, sagt er dann grinsend, „kleiner Test, machen Sie mal auf und so. Das ist doch mal originell.“

Ich nehme ihm den Kasten ab und sehe mir das Ding genauer an. Die Riegel scheinen zu klemmen, oder es gibt einen Trick, auf den ich so schnell nicht komme. „Seltsam“, sage ich, „das geht doch bestimmt irgendwie auf.“ Ich nehme meinen Haustürschlüssel und drücke ein wenig an dem Plastik herum, es knackt bedenklich, aber nichts passiert. Hinter uns kichert es.

„Jungs“, sagt die Herzdame und nimmt den Kasten, „da steht ganz groß auf allen Seiten: open at 12. Da dreht ihr beide Zeiger auf die 12, seht ihr so, den großen und den kleinen Zeiger, und schwupp, gehen die Türchen auf. Ganz einfach. Ist für Kinder.“ Sie hält uns den Kasten mit offenen Türen hin.

„Vielleicht doch besser nicht für Vorstellungsgespräche nehmen“, sage ich. Der Unternehmensberater schüttelt den Kopf. „Ist auch schon spät“, sagt er und sieht auf die Kirchturmuhr, „wir müssen mal los.“ „Wir auch“, antworte ich, klemme den Sohn unter den Arm und schiebe die immer noch kichernde Herzdame aus dem Sandkasten.

Und morgen wieder ins Büro. Probleme lösen.

%d Bloggern gefällt das: