Und dann gibt es Bücher, die kann man gar nicht am Stück durchlesen, sondern nur hin und wieder einmal seitenlang anknabbern, das aber immer wieder. Zum Beispiel Else Lasker-Schüler: Mein Herz – Ein Liebesroman mit Bildern und wirklich lebenden Menschen. Zuerst erschienen 1912. Ich zitiere aus dem ersten Kapitel:

“Ich habe mich endgültig in den Slawen verliebt – warum – ich frage nur immer die Sterne. Ich liebe ihn ganz anders wie den Muselmann, sein Kuß sitzt noch, ein Goldopas-Schmetterling, auf meiner Wange. Den Slawen aber möchte ich nur immer anschauen, wie ein Gemälde auf Altmeistergrund. Eine Feuerfarbe hat sein Gesicht, ich verbrenne im Anschaun und muß immer wieder hin. Du brauchst gar keine Angst zu haben, Herwarth, er hat mir auf meinen Liebesbrief nicht geantwortet. Ich schrieb ihm: Süßer Slawe, würdest Du in Paris im Louvre gehangen haben, hätte ich Dich statt der Mona Lisa gestohlen. Ich möchte Dich immer nur anschauen, ich würde gar nicht müde werden; ich würde mir einen Turm bauen lassen, ohne Türe. Ich möchte am liebsten zu Dir kommen, wenn Du schläfst, damit Deine Wimper nicht zuckt, im Rahmen. Ich denke gar nicht mehr, als an Dich und nur an Dich und nie anders, als ob Du in einem Rahmen ständest. So schön wie Du gestern warst, Du warst so schön, man müßte Dich zweimal stehlen, einmal der Welt und einmal Dir selbst, Du weißt am schlechtesten mit Dir umzugehen, Du hängst Dich immer in falsche Licht.”

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