Zimmer mit Aussicht

Da keine Robben im Bild sind muß man natürlich dazuschreiben: Auf Helgoland, nicht auf Mallorca.

Mallorca – nur echt mit Mietwagen

Wenn man jemandem erzählt, daß man nach Mallorca fliegt, gibt es eine obligatorische Antwort, einen beiläufig hingeworfenen Satz, in etwa so:

“Da nehmt ihr natürlich einen Mietwagen.”
“Und dann fahrt ihr bestimmt etwas herum.”
“Ja, wenn man einen Mietwagen nimmt, dann geht’s.”
Und gleich ein Auto am Flughafen, was?”

Ich habe immer noch nicht ganz verstanden, warum man ausgerechnet auf Mallorca unbedingt einen Mietwagen nehmen muß, bei anderen Urlaubsorten hört man solche Sätze nicht in dieser Häufigkeit. An die türkische Küste zum Beispiel kann man in Frieden fliegen und einfach Urlaub machen, auf Mallorca muß man herumfahren. Warum auch immer. Vielleicht eine Art Inselwahn – weil man komplett herumfahren kann, muß man es auch tun.

Massenkompatibel wie wir sind, hat unser kleines Reisegrüppchen also ein Auto gemietet. Ein Auto für vier Erwachsene und zwei Kleinkinder mieten geht so:

Man verbringt etwa eine Stunde mit der Suche nach der vermeintlich richtigen und günstigen Vermietung und eine halbe mit dem Mietvorgang. Zehn Minuten mit der Erklärung des Autos. Vierzig Minuten gehen für das Einbauen fremder Kindersitze drauf, die einen bisher unbekannten Mechanismus haben, den leider keiner erklären kann. Macht zwei Stunden und zwanzig Minuten, die Kleinen müßten mittlerweile dringend mal wieder gewindelt werden. Fünfzehn Minuten. Die Kleinen werden in das Auto gesteckt, wo sie auf den Sitzen lustig herumtollen, die Erwachsenen versuchen derweil, sich auf eine Fahrtroute zu einigen. Etwa zwanzig Minuten. Mit halbwegs klarer Zielpeilung steigen auch die Erwachsenen ins Auto, nachdem die Kinder auf ihren Sitzen festgezurrt wurden. Die Kinder gucken verdächtig unzufrieden, besser man füllt noch einmal Eßbares in sie hinein. Fünfzehn Minuten. Das Auto wird gestartet, weitere fünfzehn Minuten gehen dafür drauf festzustellen, was die Kinder, die eben so lustig auf dem Fahrersitz gespielt haben, alles verstellt haben und warum da die Anzeigen überall so lustig blinken. Ein Kind schläft ein, zwei Erwachsene müssen mal. Fünf Minuten. Da während der überraschend langen Startphase einiges von den Vorräten konsumiert wurde, könnte eigentlich auch noch einmal jemand ein paar Sachen einkaufen gehen, ist ja gleich gegenüber. Etwas Wasser, ein paar Brötchen. Fünfzehn Minuten.
Start.

Zwanzig Minuten den Weg aus dem Ort suchen, eine halbe Stunde im Stau zum nächsten Küstenort stehen. Die Tankanzeige leuchtet unerwartet früh, eine Tankstelle wäre jetzt wahnsinnig praktisch und beruhigend. Vierzig Minuten durch die glutheiße Industriebrache im Hinterland kurven, bis man endlich eine findet. Das schlafende Kind wacht auf und weint unaufhörlich, wahrscheinlich ist ihm schlecht. Das andere Kind bewirft die Erwachsenen von hinten mit eingespeichelten Brötchenteilen und schnallt sich dauernd ab. Die Herzdame biegt sich unaufhörlich gen Rückbank, wo die Kleinen sitzen, schnallt wieder an, reguliert die Brötchenzufuhr und tröstet. Nach einer kleinen Weile ist auch der Herzdame schlecht, schwanger sein und rückwärts fahren verträgt sich anscheinend nicht. Geringfügig später erreichen wir irgendeinen Aussichtspunkt, prima Fernsicht. Kinder interessieren sich nicht die Bohne für Fernsicht, wohl aber für die kleine Mauer, hinter der sich der Abgrund zum Tal auftut. Eine halbe Stunde Kinder festhalten, in die Gegend gucken können die Kinderlosen. Ganz schön spät schon!

Rückfahrt. Kinder, Proviant und Spielzeug aus dem Auto sammeln und bepackt wie ein Esel durch die Hotelanlage gehen, vorbei an den anderen Urlaubern, die den ganzen Tag entspannt am Pool gelegen haben und träge unter ihren Sonnebrillen hervorblinzeln.

Ist klar, Mietwagen, muß sein.

Wochenende

Im Bild die Wetterstation auf Helgoland, glaube ich jedenfalls. Und drüben im Westen ist das neue Wochenhoroskop online.

Morgens um sieben

Vor dem offenen Fenster eine schmale Straße, hin und wieder ein surrendes Elektroauto. Keine Spaziergänger. Noch keine Tagestouristen. Hinter der schmalen Straße niedrige Heckenrosen, der Wind treibt den Duft herein, dahinter die Nordsee, ruhig, glitzernd, weit. Zwei kleine Ruderboote, leer. Rechts die Hafenmauer, schmuckloser Beton, aber in Häfen ist das ja alles immer dennoch attraktiv. In Hamburg wäre da Graffiti dran, auf Helgoland nur weißgekleckste Vogelkacke. Am Horizont ein roter Frachter auf Reede, keine Aufträge, das Schiff liegt seit Wochen herum und wartet. Ganz oben, natürlich, Möwen.

Wenn ich jetzt hier weg wollte, keine Chance. Kein Schiff, kein Flugzeug. Ringsum nichts als Wasser, ein heute sehr freundlich aussehendes Meer, aber doch ein Meer. Weiter weg von allem kann man gar nicht sein, denke ich, so entfernt von Hamburg habe ich mich lange nicht gefühlt. Könnte auch ein anderer Planet sein, denke ich. Und höre fast im selben Augenblick am Nebentisch seltsam bekannte Begriffe und Satzfetzen. „Schlutup, Siems, die Herrenbrücke… der Architekt hat sich dann ja umgebracht, damals… da sollte ja eigentlich immer schon ein Tunnel hin…wieviel Stunden haben wir da im Stau gestanden… Priwall… der Fährpreis…“

Die Damen sind Travemünderinnen. Ich höre eine Weile zu, bekannte Geschichten, bekannte Namen. Die Welt ist ein Dorf. Genau genommen: Mein Dorf.