Und dann gibt es Bücher, bei denen man meint, die Gegend, in der sie spielen, und die man ansonsten überhaupt nicht weiter aus eigener Anschauung kennt, ein wenig besser zu verstehen. Vielleicht ist es eine vermessene Annahme, vielleicht stimmt es. Ich müßte nach Belgrad oder Sarajewo fahren, um es in diesem Fall herauszufinden. Nichts, was aktuell auf dem Programm stehen würde.

Der Roman „Das Fräulein“ von Ivo Andric, aus dem Serbokroatischen von Edmund Schneeweis, erschien zuerst 1945 und beginnt so:

„An einem der letzten Februartage des Jahres 1935 brachten alle Belgrader Zeitungen die Nachricht, daß man in der Stigstraße Nr. 16 a die Hausbesitzerin tot aufgefunden habe. Sie hieß Rajka Radakovic, stammte aus Sarajewo und lebte schon fünfzehn Jahre ganz zurückgezogen in diesem Hause; sie führte das Leben einer einsamen alten Jungfer und galt als geiziger Sonderling. Ihren Tod entdeckte der Briefträger jener Straße. Nachdem er zwei Tage vergeblich geläutet hatte, ging er um das Haus, schaute vom Hof ins Fenster, sah im Vorzimmer die alte Jungfer tot auf dem Rücken liegen und meldete die Beobachtung sofort der Polizei.“

Ein großartiges Buch über den Geiz, sollte ich wohl noch hinzufügen.

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