Bei manchen Autoren muß man natürlich nach dem ersten Buch sofort weiterlesen, so zum Beispiel bei der kürzlich hier erwähnten Irmgard Keun.

“Kind aller Länder” erschien zuerst 1938 (bei Querido in Amsterdam, dem einen oder anderen wird das etwas sagen) und beschreibt die Exiljahre einer jüdischen Familie aus der Sicht eines Mädchens, das mit seinen Eltern durch Europa reist. Und wieder bin ich sofort hin und weg von dem Stil dieser Frau. Der Roman beginnt so:

“In den Hotels bin ich auch nicht gern gesehen, aber das ist nicht die Schuld von meiner Ungezogenheit, sondern die Schuld von meinem Vater, von dem jeder sagt: dieser Mann hätte nie heiraten dürfen. Zuerst werde ich in den Hotels immer behandelt wie das Lieblingshündchen von einer reichen Dame. Die Zimmermädchen machen mir spitze Lippen und geben küssende Laute von sich. Die Portiers schenken mir Briefmarken, die ich sammle, weil ich sie vielleicht später verkaufen kann. Der Mann im Lift läßt mich den Lift bis zu unserer Etage steuern und legt nur manchmal dabei leicht Hand an mich. Und die Kellner wedeln mich freundlich mit ihren Servietten an. Das hat aber alles ein Ende, wenn mein Vater fortfährt, um Geld aufzutreiben, und meine Mutter und ich allein zurückbleiben müssen, ohne daß bezahlt worden ist. Wir bleiben als Pfand zurück, und mein Vater sagt: wir hätten einen höheren Versatzwert als Diamanten oder Pelze.”

Und wenn man dieses Buch direkt nach dem “Ministerium der Schmerzen” liest, das ja auch ein Exilbuch ist, dann stellt man verblüffende Parallelen fest, auf die man ganz gerne verzichtet hätte. Historisch gesehen, nicht literarisch.

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