Sarah stand vor der kleinen Asia-Boutique am Travemünder Strand, in der sie schon seit zwei Sommern in den Ferien arbeitete und sortierte sehr bunte Seidenblusen auf einem Ständer. Ich saß auf einem Blumenkübel aus Waschbeton davor und wartete, daß sie Feierabend machte. Ein endloser Strom von Strandrückkehrern zog zwischen uns durch zu den Hotels, es war Zeit für das Abendessen. In meiner Augenhöhe nackte Kniekehlen, die meisten zu alten und dicken Beinen gehörend. Beine in allen verschiedenen Stadien der Bräunung, manche auch in frischem Krebsrot. Krampfadern, Falten, Hängewaden, Stützstrümpfe. Sandige Füße in Sandalen, grell lackierte Fußnägel, hin und wieder Kinderfüße, gelegentlich Tennissocken. Manchmal blieb eine Frau stehen und faßte nach den Blusen, sah nach den baumelnden Preisschildchen und fragte irgend etwas. Sarah sagte Größen, Farben und Preise auf, hielt Blusen hoch, holte andere aus dem Laden. Die letzten Sonnenstrahlen fielen auf die Markise über dem Schaufenster, Sarah stand in rotem Licht. Ihr braunes Haar wirkte rötlich, ihr weißes Top sah rosa aus, Erdbeervanille, lieblich süß. Es war heiß und unter der Markise staute sich die Luft, kein Hauch regte sich auf dieser Hausseite. Die Blusen rochen penetrant nach chemischer Reinigung und Sarah sicher auch, nahm ich an. Vielleicht würde ich es ja gleich noch herausfinden.

Sie schob schließlich den Ständer in den Laden, ließ sich Geld von der koreanischen Besitzerin geben, die an der Kasse saß und vor sich hin dämmerte, und kam zu mir. Ich stand auf. „Gehen wir?“ „Ja“, sagte sie und legte ihren Arm um meine Hüften. „Oho“, sagte ich, woraufhin sie ihren Arm sofort wieder wegzog und ich mich ein wenig mit der Frage beschäftigte, ob ich vielleicht der dümmste Mensch unter der Sonne war. Ein Gedanke, der mir seit meiner ebenso intensiven wie erfolglosen Beschäftigung mit Mädchen schon mehrfach gekommen war. Ich griff nach ihrer Hand, sie ließ es widerwillig zu und wir gingen die Promenade entlang nach Norden, aus dem Ort hinaus. Am Strand war die Luft etwas frischer, Abendkühle kam von der Ostsee her. Die Strandkörbe standen fast alle der untergehenden Sonne zugewandt, sie drehten daher dem Meer den Rücken zu. Die meisten waren schon für die Nacht zugeklappt und vergittert. Es waren nur noch wenige Menschen in den Körben, hier und da hatte jemand den allgemeinen Aufbruch verschlafen und zog sich jetzt gähnend um, einige Liebespaare blieben aneinander geschmiegt liegen, weil die Kuscheligkeit eines Strandkorbs im Zustand frischer Liebe nun einmal schwer zu verlassen ist. Verspätete Familiengeschwader suchten die letzten Förmchen und Eimerchen zusammen und zogen schwerbepackt ab, Kleinkinder winkten dem Meer ein „bis morgen“ zu. Der junge Mann in dem DLRG-Turm sammelte seine Sachen zusammen und stieg die Leiter herunter. Die Ostsee lag sehr ruhig, schwappte träge an den von unzähligen Fußspuren gezeichneten Strand und schob sachte die frisch zertretenen Muschelschalen zu kleinen Häufchen und geschwungenen Linien zusammen. Drüben, über der DDR, wurde es ganz langsam dunkel.

„Komm“, sagte ich, „wir gehen auf den Steinen sitzen. Wie im Buch.“ „Was für ein Buch?“, fragte Sarah und klang nicht sehr interessiert. „Na, die Buddenbrooks“, sagte ich, „Thomas Mann. Da spielen Liebesszenen auf den Steinen da vorne. Die liegen schon etwas länger da“. Ich zeigte auf die Findlinge, die vom Ende des Sandstrandes bis zum Horizont aufgereiht lagen. „Liebesszenen“, sagte Sarah, „auf Steinen. Klingt ja toll.“ Wir gingen Hand in Hand über die Steinreihen, und da es schwerer ist, zu zweit zu balancieren, mußten wir uns aneinander festhalten. Ich hoffte ein wenig, daß sie abrutschen würde und achtete darauf, ein klein wenig hinter ihr zu gehen, um sie bei Bedarf auffangen zu können, aber sie rutschte nur einmal und fiel dabei nach vorne, unsere Hände lösten sich. Sie fing sich gleich wieder und lief alleine weiter, ich hinterher, bis sie sich endlich auf einen besonders großen Stein setzte und sich zurücklehnte. Wir waren am Beginn des Steilufers angekommen. Hinter uns auf dem wilden Strand, für den keine Kurtaxe mehr fällig war, spielten Hunde im Sand. Spaziergänger, die das Essen im Hotel schon hinter sich hatten und bereits lange Hosen und Windjacken trugen, schlenderten Richtung Niendorf, den Blick starr auf die kleinen Steinchen zu ihren Füßen gerichtet, um nur ja keine Donnerkeile oder gar Bernsteinbröckchen zu verpassen. Alle Pärchen gingen Hand in Hand oder Arm in Arm, auch die ganz alten. Es war warm, man war am Meer, man hatte Urlaub. „Stelle ich mir ja schwierig vor, so eine Liebesszene auf Stein“, sagte Sarah, „das tut doch weh.“ Ich setzte mich neben sie. „Es ging nicht um Sex“, sagte ich, „wahrscheinlich haben sie sich nicht einmal berührt.“ „Tolle Liebesszene“, sagte Sarah, „auf Stein und mit ohne Anfassen. Bestimmt irre aufregend.“

Der Stein unter uns war noch sonnenwarm und wenn man den Kopf zurücklegte, sah man in einen dunkelblauen Himmel, durch den sehr weit oben Möwen letzte Kreise segelten. „Ja natürlich ist das aufregend“ sagte ich, „es kann ja auch ohne Anfassen aufregend sein. So vorher.“ „Mach“ antwortete Sarah und „was?“ fragte ich. „Na, anfassen“, sagte Sarah und drehte sich zu meiner Seite, im Liegen auf den Arm gestützt. „Wo?“ fragte ich und Sarah seufzte und sah mich wieder mit diesem Große-Schwester-Blick an. Ich streichelte ihre Schulter und sie bog mir ihren Hals entgegen. „Und sie haben nichts gemacht?“ fragte sie. „Äh, was?“ „In dem Buch. Das Paar. Sie haben hier nur gesessen?“ Ja“, sagte ich, „ich glaube schon. Sie kamen dann auch nicht zusammen. Er war nicht gut genug. Andere Schicht. “ „Aber gewollt hätten sie schon?“ „Und wie“, sagte ich, „ganz sicher.“ „Und wenn er sie geküßt hätte, dann wohin?“

Hinter uns auf dem Strand kläfften die Hunde und balgten sich um einen bereits zerbissenen Ball. Eine Gruppe Studenten aus Hamburg saß auf Decken und Handtüchern im Kreis, sie versuchten ein Feuer anzumachen, einige suchten noch Äste und Zweige aus dem Unterholz am Steilufer zusammen, es raschelte wild in den Büschen. Natürlich konnte man nicht genau wissen, daß es Studenten aus Hamburg waren, aber langhaarig, mit Gitarre, Büchern und Wein dabei, was sollten sie sonst sein. „Soziologie, erstes Semester“, wie meine Mutter immer bemerkte, wenn sie so eine Gruppe sah. Die Gerüche wurden mit der Dämmerung intensiver, es wehte ein Duft nach Heckenrosen vom anderen Ufer der Travemünder Bucht herüber. Ich küßte Sarahs Hals und sie roch nach Blume, nach Meer, nach Seetang und ein wenig tatsächlich nach chemischer Reinigung. Es war der aufregendste Duft, den ich je erlebt hatte. „Und warum“ fragte Sarah, „waren sie auf den Steinen und nicht irgendwo, wo es besser ging?“ „Er paßte nicht zu ihr“, sagte ich, „er saß immer nur hier und wartete, bis sie endlich mal zu ihm kommen konnte. Alles geheim.“ Sie legte den Kopf weit in den Nacken, so daß ich vorne küssen konnte Ich überlegte angestrengt, ob es Sinn hatte, die Kußreihe weiter nach unten verlaufen zu lassen, wo sich ihre beiden kleinen Brüste unter dem T-Shirt hoben, wenige Zentimeter von mir entfernt und doch in einer anderen Galaxis. Ich legte eine Hand in die Nähe des Busens, in eine wie mir schien unverbindlich anmutende Nähe, eine gute Startposition, aber doch kein Überraschungsangriff. Um davon abzulenken, küßte ich oben weiter und tatsächlich schien sie die Annäherung der Hand nicht weiter bemerkt zu haben, zumindest konnte sie da ohne Kommentar liegen bleiben und ich sah aus dem Augenwinkel, wie sich meine Finger mit ihren Atemzügen hoben und senkten. „Lakritz?“ fragte sie.
„Was?“ fragte ich zurück. „Lakritz“, sagte sie wieder, „möchtest du Lakritz. Ich habe welche.“ Sie wühlte in ihrer Hosentasche, wobei meine Hand leider im Weg war, sie wand sich auf dem Stein, um tiefer hineinzukommen und fand schließlich zwei Lakritzbonbons. „Da“, sagte sie und gab mir einen. „Wir haben uns lange nicht mehr geküßt“, sagte sie. „Nein, dachte ich, seit du mit dem Blödmann aus der Siedlung zusammen bist nicht mehr, aber ich sagte nichts. „Küß mal“, sagte sie.

Ich küßte und sie hielt meinen Kopf, saugte sich an mir fest und arbeitete wild mit der Zunge. Ich war völlig überrascht und brauchte eine Weile, um zu verstehen, daß sie die Bonbons tauschen wollte. Ein Spaß, ein Spiel, eher eine kindliche Herausforderung als das vamphafte Verschlingen, als das es mir zunächst vorkam. Ich half mit und sie lachte, schwarzgefärbte Spucke lief ihr aus dem Mundwinkel, sie verschluckte sich und lachte noch mehr. „Lakritz macht spitz“, sagte sie. „Kann man sagen“, antwortete ich und riß mich zusammen, um ihr nicht die Spucke aus dem Gesicht zu lecken. Schlimm genug, daß ich dumm war, als pervers wollte ich nicht auch noch gelten. Gar nicht auszudenken, wenn so etwas herumging – er wollte meine Spucke lecken, na danke, schöne Jugend noch. Ihr Lakritz schmeckte genau wie meiner, nichts von ihr blieb daran erkenntlich, nichts war zu schmecken als die beherrschende Süße des Bonbons. Lakritz eben.
Es raschelte unter dem Stein, auf dem wir lagen. „Hast du das gehört?“, fragte Sarah und „nein“, log ich, „was denn?“. Es war bestimmt eine Ratte, die da herumraschelte, eine Ratte, die ein wenig an den angespülten Muscheln herumknuspern wollte. Ich war oft auf den Steinen am Abend und ich hatte da viele Ratten gesehen, niedliche Tiere, wenn auch vielleicht etwas sehr groß. Wenn man sich ruhig verhielt, waren sie recht zutraulich. Ich wußte nicht, ob Sarah Angst vor Ratten hatte, aber bei meinem Glück würde sie bestimmt sofort hysterisch losspringen, wenn sie eine sehen würde, vom Stein weg und überhaupt weg. „Da ist was“, sagte Sarah, „da höre ich doch was“. Sie schob mich weg und richtete sich auf, beugte sich vor und sah unter den Stein. „Geil“, sagte sie, „da sitzt eine mörderfette Ratte und starrt mich an“. OK, dachte ich, die Rettungsnummer mit dem Helden, der keine Angst vor Ratten hat, die fällt wohl aus. Sarah machte Geräusche, als wollte sie einen Hasen anlocken, ein Meerschweinchen oder einen Wellensittich, sie schnalzte mit der Zunge, „tststs, na komm, na komm““, die Ratte verschwand unter den Steinen. Sarah legte sich wieder hin, richtete sich aber gleich wieder auf und sah sich um. „Wenn ich liege, sehe ich die Ratte nicht.“, sagte sie. „Ob die wiederkommt?“ „Nein“, sagte ich, „die kommt nicht wieder, jetzt hat sie uns doch gehört.“ „Eben“, überlegte Sarah, „die denkt doch bestimmt, wir essen hier. Die Touristen essen ja auch immer. Die kommt bestimmt gleich wieder gucken.“ Sie umklammerte ihre Knie und spähte unter die Steine. Ich küßte ihren Arm und ihre Schulter, aber sie schob mich weg. „Laß“, sagte sie, „ich muß eh gleich los. Heute großes Abendessen mit Besuch und so. Ausdrückliche Anwesenheitspflicht.“

Sie sah auf ihre Uhr, stand auf und sprang über ein paar Steine zurück auf den Betonweg unterhalb der Promenade. Ich sah ihr nach, sie drehte sich winkend um: „In dem Buch kamen aber keine Ratten vor, was? Sehen wir uns morgen? Wartest du? Auf den Steinen?“ Ich nickte. Sie ging lachend die Stufen zur Strandbadeanstalt hoch und warf mir eine Kußhand zu. Immerhin, dachte ich. Vom Strand her roch es jetzt nach gegrillter Wurst, die Hunde wedelten nervös vor dem Grill. Ich lutschte an dem Lakritz herum, den Sarah immerhin im Mund gehabt hatte und sah der Prinzessan Birgitta nach, die gerade die Mole passierte und nach Göteborg auslief. Als meine Mutter einmal mit einem der Stewards auf dem Schiff liiert war, konnten wir da kostenlos mitfahren und einmal hatten wir auch Sarah dabei, da schlief ich sogar im gleichen Bett wie sie, aber da waren wir noch Kinder.

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