Nein, den Ort muß man nicht kennen. Ziemlich nahe an der Nordsee jedenfalls, gleich hinter der Wiese mit den Kühen und da, wo die Pferde mit den Fohlen stehen. Reetdachhäuser, darüber ein enormer Himmel, sehr viel Luft zwischen den Häusern, sehr viel Grün darum herum. Wenig Menschen. Frösche in den Teichen, Greifvögel ziehen unter den Wolken her. Hier steht ein Bauer im Feld, etwas weiter ein Reiher am Graben. Heckenrosen, Hortensien. Da sind wir heute morgen aufgewacht. Und schon beim ersten Blick aus dem Fenster wußte ich: hier stimmt etwas nicht.

Es wirkt so hell draußen, so ungewöhnlich sonnig, die Geräusche klingen so nach Tag, da fahren sogar schon Trecker, da klingeln schon Fahrräder – das kann so nicht sein. Neben mir liegt der Sohn und schnarcht leise, ich sehe auf die Uhr und sehe dreimal hin: es ist viertel vor acht. „Wir haben den halben Tag verschlafen!“ sage ich zur Herzdame, die ebenfalls noch schläft. Ich rüttele etwas an ihr herum. „Aufwachen“, sage ich, „wir haben ausgeschlafen. Verschlafen. Lange geschlafen. Wie andere Leute! Wie normale Menschen!“

Die Herzdame fragt, ob ich irre sei, sie deswegen zu wecken. Ich erkläre ihr, daß es zu einer Ehe gehört, besonders freudige Momente zu teilen und jetzt gerade freue ich mich über meinen langen Schlaf. Die Herzdame zählt verblüffend viele unfreundliche Bezeichungen für mich auf, der Sohn streckt sich im Schlaf. „Wir müssen an die Nordsee ziehen“ sage ich zu der Herzdame, „am besten sofort. Es ist die Nordseeluft, da schläft der Sohn lange. Wir werden nach sechs Uhr aufstehen! Wir werden ausgeschlafen sein! Wir werden alles erreichen können! Nichts kann uns noch aufhalten!“

Die Herzdame zieht sich die Decke über den Kopf und murmelt, daß man sich an die Luft gewöhne und dann bald wieder weniger schlafe. Auch Kinder? Ja, auch Kinder. Gerade Kinder. „Und wenn wir“, frage ich, „eine Wohnung in Hamburg haben und eine Wohnung an der Nordsee und immer kurz vor der Gewöhnung ruckartig und drastisch den Ort wechseln, werden dann nicht alle in der Familie einfach immer zehn Stundehn schlafen?“

Die Herzdame sagt, sie hätte bei „ruckartig und drastisch“ ganz andere Ideen und sieht mich seltsam an. Ich gehe lieber und mache im Arbeitszimmer den Computer an. Immobilienanzeigen gucken.
Ich bin unverstanden, aber das geht vielen Menschen mit guten Ideen so.

%d Bloggern gefällt das: