Sie kommen, wenn sich der Spielplatz allmählich leert, zwischen sechs und sieben. Die Eltern an der Sandkiste sammeln gerade die Kleinen ein und reden von Abendessen und Bett, die Kinder trotten lustlos hinterher, die Lieblingsförmchen unter den Arm geklemmt, aber das kriegen die beiden kaum mit. Sie drücken sich ein wenig schüchtern am Rand des Platzes auf den Bänken herum, sitzen da und warten. Wenn ein Kind zu ihnen läuft, seinen Ball zeigt oder nur guckt, ob sie vielleicht Kekse dabei haben, stoßen sie sich mit den Ellbogen an und lachen unsicher. Sie sitzen ganz dicht nebeneinander, berühren sich aber nicht. Er trägt eine lächerlich kleine Kappe hoch auf dem Haar, strahlend weißes Sweatshirt, Sportschuhe mit offenen Schnürsenkeln und Goldschmuck an den Armen. Sie trägt Jeans, die so eng sind, daß sie wahrscheinlich Stunden braucht, um sich anzuziehen. Pinkfarbenes Top. Handtäschchen mit Glitzer und Gefunkel. Goldener Modeschmuck in den Ohren, riesige Kreolen. Er telefoniert, sicher mit seinen Freunden, seine Hände fuchteln durch die Luft, betont coole Gesten, die Arme holen weit aus. Er lacht zu laut, er sitzt jetzt breitbeinig, er sieht nach dem Mädchen, ob es auch beeindruckt ist. Das Mädchen guckt in einen Taschenspiegel und ist genervt. Er steckt sein Handy weg, sie halten ein ganz wenig Händchen, es ist kaum zu sehen.

Er sieht so albern aus, wie man als pubertierender Junge nur aussehen kann, nichts als unsortiertes Wachstum, Pickel und überdimensionierte Lässigkeit. Sie ist aufgedonnert wie die Schaufensterpuppe in einer Parfümerie, wahrscheinlich riecht sie auch so. Er ist ein Held und sie ist eine Offenbarung, versteht sich.

Sie kommen jeden Abend. Bestimmt dürfen sie da, wo sie wohnen, ein paar Straßen weiter, nicht zusammen gesehen werden. Vielleicht ist er Türke und sie Afghanin, wer weiß, vielleicht gehören sie zu verschiedenen Glaubensrichtungen, vielleicht ist es aus anderen, ganz banalen Gründen geheim, daß sie sich treffen, vielleicht haben sie auch einfach nur keine eigenen Zimmer. Sie sitzen unter dem Flieder und warten, ausgerechnet unter dem Flieder. Wenn alle gegangen sind – und immer erst dann – legt er seinen Arm um sie. Ringsum stehen die Nachbarn genau wie ich gelegentlich an den Fenstern und sehen auf den Spielplatz, während die Kinder essen oder zu Bett gebracht werden. Die beiden da unten kuscheln ein wenig. Neulich zum ersten mal ein langer Kuß, sie haben beide sehr gekichert hinterher und er mußte auch sofort wieder telefonieren. Aber ein Kuß, mehrere Sekunden. Oben die Köpfe zusammen, unten die Hände, die nicht wußten, wo sie hinsollten, sich kurz hielten, dann wieder losließen, auf die Knie sanken, dann faßte er ihr ins Haar und für einen Augenblick wirkt er älter und sicherer, fast wie ein Lover im Film, wie er da ihren Kopf so ganz leicht nach hinten bog, das hatte er ja sicher auch schon tausendmal irgendwo gesehen.

Ich stand am Fenster und sagte zu der Herzdame, “guck mal, jetzt kriegt er die Kurve”. Sie sah nach unten und sagte, daß es auch nicht mehr mit anzusehen gewesen sei. Und wenn die Nachbarn jetzt alle auf die Balkone getreten wären, um den beiden da unten zuzuklatschen, es hätte mich auch nicht weiter gewundert. Ein altes Stück, natürlich, aber doch immer wieder mit schönen Momenten.

“Oh Romeo, Romeo, warum bist du Romeo? Verleugne deinen Vater und entsage deinem Namen; oder willst du nicht, so schwöre mir nur deine Liebe, und ich will keine Capulet mehr sein.” Shakespeare, Romeo und Julia.

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