Der Nachtschreck bei Kleinkindern ist ein normales Vorkommnis. Etwa ab dem Alter von zwei Jahren kommt es des öfteren vor, daß ein Kind nachts in panischer Angst schreit und dadurch die Eltern unsanft weckt. Mutter und Vater hasten an das Bett und finden den zitternden, heulenden Nachwuchs, der mit bebendem Finger in eine Ecke des Zimmers zeigt, die Augen vor Angst geweitet. Kleine Hände krallen sich in Papas Arm, Ärmchen schlingen sich um Mamas Hals, während die Hände der Erwachsenen die zu Berge stehenden Haare des Kindes glätten. Man flüstert Tröstendes. In der Ecke des Zimmers lauert ein Monster. Oder eine Schlange. Oder eine Spinne. Jedenfalls etwas, das es nicht gibt. Also nicht in Wahrheit. Aber es ist schlimm. Sehr, sehr schlimm. Man muß nur das Kind ansehen, dann weiß man, wie schlimm.

Bei uns geht der Nachtschreck ein wenig anders. Ich wache um halb drei von dem äußerst unangenehmen Gefühl auf, daß jemand in meinem Bett sitzt und immer wieder „Monster“ flüstert. Ganz leise, aber deutlich. Ich lasse mich zu dieser Uhrzeit ungern anflüstern, schon gar nicht mit dem Begriff Monster. Ich mache mühsam ein Auge auf und sehe nach, was da los ist. Der Sohn sitzt zwischen der Herzdame und mir, er ist in unser Bett gekommen und hat ein Buch mitgebracht. Ein Bilderbuch mit Monstern. Er hält das Buch in einen schmalen Streifen Mondlicht, in dem man gerade eben etwas erkennen kann. Er fährt mit den Fingern die Zeichnung nach. Tippt auf die spitzen Zähne und sagt „beißen“. Denkt ein wenig nach und sagt dann „böse“. Blättert um, eine neue Seite, ein neues Monster. „Monster“, sagt der Sohn anerkennend, „groß“. Er schiebt das Buch ein wenig aus dem Mondlichtstreifen. Das Monster verschwindet im Schwarz der Nacht. „Monster weg“, sagt der Sohn und kichert. Zieht das Monster wieder ins Licht, sagt leise „hallo“ und schiebt es dann wieder zurück ins Dunkel: „Tschüß Monster“.

Er sieht, daß ich ihn beobachte. Legt mir eine Hand aufs Knie, wie um mich zu beruhigen, zeigt auf das Buch und sagt verschwörerisch: „Monster weg.“ Ich nicke. Er grinst mich an.

Er hat es ganz gut im Griff, das mit dem Nachtschreck.

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