Natürlich ist es sehr spannend, dem aufgeregten und gerade zum großen Bruder gewordenen Sohn I den Neuankömmling zu zeigen. Ein besonderer Moment, als die beiden zum ersten Mal zusammentreffen. Staunende Blicke, zögerndes Anstupsen. OK, der kleine Bruder ist wirklich sehr klein, so vergleichsweise, wenn man an die anderen Kumpels denkt. Er scheint auch nichts zu machen, außer Dösen und an Mamas Brust herumzuhängen. Mal kurz streicheln – nichts passiert. Das ist, wenn man ehrlich ist, nicht so fürchterlich spannend. Im Bettchen daneben liegt ein anderes Baby, das ist wach, es kräht und zappelt mit den Händen. Sohn I geht interessiert näher ran. Dieses Baby hat Haare, viele sogar, das Konzept ist unserer Familie eher fremd. Sohn I ist wirklich sehr interessiert, er scheint den Verdacht zu haben, dieses Baby könnte mehr Spaß machen. Er sieht sich um, da liegen noch mehr Babys im Raum. Immer schwer so eine Auswahl. Er überlegt.

“Das hier”, sagt er schließlich, zeigt auf das haarige Krähbaby und sieht mich erwartungsvoll an. “Sohn”, sage ich, “unser Baby hängt an Mama. Das da ist dein kleiner Bruder.” Ich zeige auf Sohn II. Sohn I klopft energisch an das andere Bett und wiederholt: “Das hier!”. Er mag es nicht, wenn seine Geschmacksvorlieben nicht akzeptiert werden.

Nun ist es so – man kann das in jedem Erziehungsratgeber nachlesen – daß auch kleine Kinder ein gewisses Recht auf Wünsche und deren Erfüllung haben. Wenn ein Zweijähriger etwas haben will und eigentlich nichts dagegen spricht, seinen Wunsch zu erfüllen, soll er ruhig bekommen, was er möchte. Ist ihm zum Beispiel eher nach Erdbeerjoghurt als nach Kirschjoghurt, muß man nicht darauf bestehen, daß gegessen wird, was auf den Tisch kommt, nur weil man die falsche Sorte zuerst aus dem Kühlschrank geholt hat. Man muß ein feines Gefühl dafür entwickeln, auf welche Wünsche das Kind ein gutes Recht hat.

“Entschuldigung”, sage ich also zu der Mutter des anderen Babys, “mein Sohn hier findet ihr Baby gut und unseres mehr so lala. Würden sie eventuell tauschen?” Die Frau guckt Sohn I an, der noch einmal energisch an das Bettchen klopft und “das hier” sagt. Sie überlegt. “Tauschen”, sagt sie, etwas entgeistert. “Tauschen!” wiederholt Sohn I begeistert, der das Prinzip des Besitzerwechselns schon ganz gut verstanden hat. “Nein”, sagt die andere Mutter schließlich, “ich glaube, mir gefällt mein Baby ganz gut. Ich tausche lieber nicht.” Sie schüttelt den Kopf, es sieht sehr endgültig aus. Der Sohn guckt sie genau an, schüttelt den Kopf und geht dann, die Hände in den Hosentaschen, zurück zu dem Kind auf dem Schoß der Herzdame. Legt lässig eine Hand auf seine Schulter und sagt “Bruda”.

Das wäre dann wohl geregelt.

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