Neu auf dem Nachttisch – bzw. eben nicht

Die Buchrubrik in diesem Blog heißt nun einmal „Neu auf dem Nachttisch“, deswegen muß der Text aus Ordnungsgründen auch diesmal so betitelt sein. Obwohl das Buch den Nachttisch nie berührt hat. Ich habe es nämlich im Kreißsaal gefunden, wo es jemand auf der Badewanne liegengelassen hat, vielleicht mit Absicht, vielleicht aus Versehen, wer weiß. Ich möchte nicht betont cool erscheinen, aber so eine Geburt kann eine langwierige Angelegenheit sein und ich lese ziemlich schnell. Sie müssen, wenn Ihnen das Thema vielleicht fremd ist, nicht glauben, man könne als Mann der Frau 24 Stunden lang beistehen. Tatsächlich vergehen nicht wenige Stunden mit bloßem Beisitzen, in denen man nicht allzu viel tun kann. Und da das Buch nun einmal dort herumlag…

Noëlle Châtelet: Die Klatschmohnfrau. Aus dem Französischen von Uli Wittmann. Der Roman erschien zuerst 1999 und beginnt so:

„Marthe liegt im Bett. Mit halbgeschlossenen Augen zögert sie den Augenblick des Erwachens noch etwas hinaus, diese seltsamen Minuten des Schwankens, in denen sie alterslos ist und durch alle Phasen ihrer Vergangenheit streifen kann. So geht sie von einer Marthe zur anderen, läßt ihre Erinnerung verweilen, wie es ihr gefällt, ganz nach Lust und Laune, heiter oder betrübt. Je nachdem. Und sie seufzt. Sie seufzt gern, selbst ohne Grund. Diese kleinen Windstöße der Seele sind so beruhigend, so erfrischend.“

Eine alte Dame verliebt sich in einen noch älteren, sehr vitalen Mann. Sie krempelt ihr Leben um, sie nimmt wieder Fahrt auf, sie stürzt sich noch einmal hinein. Ihre Kinder sind irritiert, die Nachbarn indigniert, sie hat ihren Spaß. Eine einfache Geschichte, leider auch sehr einfach erzählt. Eine Schlichtheit in der Wahl der Symbole, daß man pausenlos einen Rotstift in der Hand haben möchte, um „zu flach!“ an den Rand zu schreiben. Die Autorin hat in Frankreich mehrere renommierte Preise gewonnen, ich begreife nicht recht warum. Aber für ein paar Stunden war es andererseits ganz kurzweilig.