Und dann gibt es Bücher, die überhaupt nicht zu denen passen, die man sonst so liest, die vollkommen aus der Reihe fallen. Indien, was weiß ich von Indien. Aravind Adiga, nie gehört. Ich bin erst auf Seite 20, aber es fängt faszinierend an, keine Frage. Anders. Spannend.
Aravind Adiga: Der weiße Tiger. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Der Roman erschien zuerst 2008, ist in Form eines Briefes an den chinesischen Ministerpräsidenten verfaßt und beginnt so:

“Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
weder Sie noch ich sprechen Englisch, aber manche Dinge kann man nur auf Englisch sagen. Die Exfrau meines verstorbenen Ex-Arbeitgebers Mr. Ashok, Pinky Madam, hat mir eines dieser Dinge beigebracht; und als die Sprecherin des All India Radio heute Abend um 23 Uhr 32, also vor etwa zehn Minuten verkündete “Ministerpräsident Wen Jiabao besucht nächste Woche Bangalore”, da sagte ich es sofort. Das sage ich übrigens jeses mal, wenn Große Männer wie Sie unser Land besuchen. Nicht daß ich irgendwas gegen Große Männer hätte. In gewisser Weise betrachte ich mich als einen von Ihnen, Sir.”

Und was ich mich schon seit Monaten frage, seit ich diese Rubrik eingeführt habe und dauernd Buchanfänge zitiere, also etwa die erste halbe Seite abschreibe: Ist es eigentlich eine Verschwörung von Autoren, Übersetzern und Verlagen, eine heimliche Absprache, eine Art Brancheneid, daß gleich in den ersten Zeilen zwingend ein Semikolon vorkommen muß? Oder ist es das Semikolon im ersten Absatz, das die gute Literatur vom ganzen Rest trennt? Ist es eine heimliche Markierung, an der die ganze Branche erkennt, daß dieses Buch Preise gewinnen soll, während die anderen, in denen keines vorkommt, einfach zu ignorieren sind? Hat schon einmal jemand die Beziehung zwischen Semikolongebrauch und Literaturpreisen/Feuilletonbesprechungen analysiert? Na, ich frag ja nur.

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