Neu auf dem Nachttisch

Man muß ja geradezu zwingend ein neues Buch anfangen, wenn man zum Arzt geht, sonst müßte man dort Bunte oder Gala lesen, oder, schlimmer noch, schöne Sachen wie „Neues aus der Orthopädie“. Ein bereits angefangenes und halbverdautes Buch nehme ich nicht gerne mit in ein Wartezimmer, denn wenn ich zu lange warten muß, habe ich es am Ende durchgelesen, ohne ein weiteres dabei zu haben – da tun sich Abgründe auf, für einen risikoscheuen Menschen wie mich.

Heute also dank Hexenschuß neu angefangen: Andreas Stichmann: Jackie in Silber. Zuerst erschienen 2008. Der Band mit Erzählungen beginnt in grandioser Weise mit dem Text „Alleinstehende Herren“, und zwar so:

„Wenn der Nachmittag schwer wird und Schatten aus den Wolken fallen, wenn die Ameisen in Ritzen flüchten, weil es draußen kalt wird, wenn es drinnen warm wird, gehst du raus und kackst hinter die Hochäuser. Aus der Grube krähen Fahrradspeichen, Kühlschrankleichen und Rostgerippe. Ein Hauch von Abenteuer.
Du schreitest durch das pudrige Licht der Laternen, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Du siehst imaginäre Passanten laufen, grüßt mit dem Nicken eines Generals. Erschrickst, wenn du dich im Schaufenster lachen siehst. Nur selten begegnest du wirklich noch einer späten Oma, die ist dann plötzlich sehr echt.“

Ganz großes Kino, dieses Buch. Wundervolle Sprache, grandiose Bilder. Das wollen Sie auch lesen.