Sohn I hält mir einen blauen Buntstift und ein Blatt Papier hin und sagt bittend: „Pferd!“

Kandinsky denke ich, blaue Pferde, denn in Kunstgeschichte kenne ich mich halbwegs aus. Ich nehme den Stift, ich denke Pferd, ich rücke mir das Blatt zurecht.

Tatsächlich war mir in meiner späteren Kindheit und Jugend immer klar, daß ich mal Künstler werden wollte. Oder was heißt wollte, mußte. Etwas zu zeichnen, das schien einfach die beste und einzig sinnvolle Beschäftigung neben dem Lesen zu sein und Lesen klang nicht richtig nach Beruf. Mein Kunstlehrer bescheinigte mir eine „eigene Linie“, Freunde zeigten sich beeindruckt von meinem Schaffen, ich zeichnete ohne Ende. Ich studierte die Großen der Vergangenheit, ich versuchte Ölfarbe, Drucktechniken, Aquarelle, Federzeichnungen, Kohle, alles, alles. Zeichnen war nicht schwer, fand ich, man mußte es nur ausdauernd machen, dann ging das schon. Hätte mir damals jemand gesagt „bitte ein Pferd“ hätte ich ihm zehn Versionen anbieten können, von realistisch bis Kandinsky, gar kein Problem.

Dann war ich in einem Jahr in sehr vielen Kunstausstellungen, Dali, Schmidt-Rottluff, Higashiyama, Janssen, viele wichtige Namen. Und wie ich so vor diesen Bildern stand, dachte ich: „Nein, da kommst du nicht ran. Nie. Nicht einmal annähernd.“ Und dann habe ich es gelassen. Von heute auf morgen. Und Bibliothekswesen studiert.

Ich denke Pferd, ich rücke mir das Blatt zurecht, ich weiß nicht, ob Zeichnen wie Fahrradfahren ist. Im Grunde meines Herzens tun mir Menschen leid, die nicht zeichnen können, das habe ich noch als Gefühl von damals behalten, obwohl ich es selbst nie wieder gemacht habe. Ich skizziere den Kopf, die Nüstern. Die Mähne fällt in die Stirn und weht über den Hals, ein eleganter Schwung für den Rücken, angedeutete Beine, alles in Bewegung, ein dynamisches Pferd. Der Sohn guckt interessiert, nickt und sagt dann anerkennend: „Monster!“ „Na?“ fragt die Herzdame im Vorbeigehen und guckt kurz auf das Blatt, „malt ihr Hunde?“

Ich erkläre dem Sohn, daß nur im Selbermalen der wahre Weg zur Kunst zu finden sei und drücke ihm den Stift in die Hand. Er kritzelt begeistert auf dem Fußboden weiter. Ich nehme mir heimlich ein Blatt Papier und einen Kuli und setze mich an den Schreibtisch der Herzdame. Ich zeichne ein Pferd, einen Hund, ein Gesicht, eine Frau, ein Haus. Die Bilder sehen aus, als wäre ich, na, acht Jahre alt. Ich gebe mir mehr Mühe, so leicht gibt man ja nicht auf, da sehen die Bilder aus, als wäre ich immerhin zehn Jahre alt. Zeichnen ist eindeutig nicht wie Fahrradfahren.

Am nächsten Tag sitze ich im Kindergarten mit vielen kleinen Kindern an einem Tisch, sie spielen mit Knetgummi. Toll, denke ich, noch ein Versuch. Kunst geht auch mit Knete, das haben andere längst bewiesen. Ich nehme mir eine Handvoll und drücke und forme daran herum. Um es nicht zu übertreiben, beginne ich mit einer einfachen Übung, ich mache eine Maus. Da braucht man nicht lange, so eine Maus ist schnell zusammengerollt. „Ha“, sage ich, „guckt mal, Kinder, hier!“ Ich lege die Maus auf den Tisch. Sohn I guckt mich ratlos an. „Ein Elefantenigel?“ fragt die Herzdame und stupst die Knetmaus kich ernd über den Tisch. Ein dreijähriges Mädchen, das mir stumm beim Kunstschaffen zugesehen hat, nimmt die Maus und dreht sie hin und her. Dann singt sie sehr laut „So sieht ne Maus nicht aus“ – zur Melodie von „Ihr könnt nach Hause gehen“.

Kinder, so sagt man, führen einen auch an Grenzen. Ja.

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