Es ist halb acht, ich verlasse mit Sohn I das Haus, er muß zur Kita, ich muß zur Arbeit. Ein kalter, dunkler Herbstmorgen, der Wind pfeift uns um die Ohren, es ist kurz vor dem ersten Frost. Am Himmel eine magere Mondsichel, silberblaß steht sie über dem Dach der Kirche. Der Sohn zeigt nach oben und sagt: „Sonne!“.

„Sohn“, sage ich, „das ist der Mond. Die Sonne ist es, wenn einem warm dabei wird und alles hell ist. Das blasse Ding da, das ist der Mond.“

Was haben die Menschen im Laufe der Kulturgeschichte alles geschrieben, gedichtet, gesungen über die Unterschiede zwischen den beiden Himmelskörpern. Was hat man ihnen alles an Göttlichkeit angehängt,. an geschlechtlicher Zuordnung, an Zuständigkeit für Freud und Leid, für Wetter, Klima, Katastrophen, Stimmungen, Schicksale – was haben sich Menschen darüber den Kopf zerbrochen, wer von beiden was repräsentiert. Einer der elementarsten Gegensätze unseres Erlebens, Sonne und Mond. Und ich denke kurz und vergnügt daran, daß ich schon bald mein reiches Wissen über Dichtung und Mythologie an den sicherlich interessierten Kleinen weitergeben kann. Sonne und Mond, was für ein schönes Einstiegsthema in die Weltdeutung. Der Sohn sieht noch einmal kurz hoch und sagt achselzuckend: „Mond. Auch gut.“

„Ja“, sage ich, „das faßt es im Wesentlichen ganz gut zusammen.“

%d Bloggern gefällt das: