(Diese Travemündegeschichte schließt direkt an der letzten an, siehe “Auf den Steinen sitzen“)

 

Am nächsten Morgen kam die Sonne nicht durch, über der Ostsee lag ein seltsam milchiges Licht, und es war nicht das kleinste bißchen Wind zu spüren. Es war warm, sehr warm. Die dunstige Luft drückte, und es roch intensiv nach Meer und Regen, obwohl von Regen gar nichts zu sehen war. Wasserwarm hieß das bei uns, wenn so ein Wetter war. Ein Wetter, bei dem es egal war, ob man gerade im Meer war oder draußen, der ganze Tag fühlte sich an, als schwömme man durch warmes Wasser, ganz gleich, was man gerade tat. Manchmal kam für eine Minute ein einzelner, glühender Sonnenstrahl durch, manchmal fielen ein paar Tropfen Regen, aber eigentlich passierte gar nichts. Die Vögel sangen anders als sonst in den Büschen, und durch die seltsame Luft klang ihr Gesang wie der von Tropenvögeln, fremd und ungewohnt. Keiner mochte dieses Wetter, alle sagten sich den ganzen Tag, was für ein komisches Wetter das sei. Komisches Wetter heute, ja, sehr komisch. Nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht ihm, nicht ihr, wie Hilde sagte, die mit einem Piccolo auf dem Nachbarbalkon stand und in den hellgrauen Himmel sah. Aus ihrem Apartment hörte man Milva. Sie wiegte sich im Takt und sang mit. Ich lehnte an der Balkontür und tat so, als hörte ich sie nicht. Seit sie sich morgens schon betrank, waren Gespräche mit ihr ziemlich sinnlos geworden, sie fragte mich spätestens nach dem dritten Satz, ob ich endlich gefickt hätte, in meinem Alter hätte sie ja damals schon ein ganzes Wachbataillon durchgehabt, das war noch eine andere Generation, da hat man nicht so lange leidend geguckt, da hat man einfach gemacht, verdammt. Sie fragte jeden Tag, wie es mit Sarah lief, und lachte laut und ordinär, wenn ich ausweichend antwortete.

Stefan stand vor der Strandresidenz und pfiff unsere Erkennungsmelodie. Ich winkte ihm zu, ging runter und wir fingen den Tag mit einem Eis bei Hugos Imbiß an, wie immer in den Sommerferien. Es war leer dort, und auf dem großen Parkplatz vor der Badeanstalt standen kaum Autos, bei grauem Wetter fuhren die Hamburger Tagestouristen gar nicht erst los. Wir gingen als privilegierte Einheimische natürlich durch die Hintertür in den Imbiß und stiegen über Kartons mit Servietten und Pappschalen für Pommes. Hugo stand am großen Fenster und sah mit seinem Fernglas auf die Ostsee, wo mit bloßem Auge nichts zu erkennen war, die Fahrrinne draußen lag im Dunst. Ein paar Touristen mit großen Strandtaschen standen unschlüssig auf der Promenade, sie wußten nicht recht, ob sie sich bei diesem Wetter nun in einen Strandkorb legen sollten oder nicht, man sah, wie sie in den Himmel zeigten und debattierten. “Wasserwarm”, sagte Hugo. “Ja, ja” sagten wir, “ganz komisches Wetter.” Er warf uns, ohne zu fragen, zwei Colapop über den Tresen. Wir setzten uns auf die abgewetzten Plastikstühle, leckten das Eis und starrten wieder auf die Ostsee. “Was zu sehen?” fragte ich. “Nein”, sagte Hugo, “natürlich nicht. Aber wo soll man sonst hingucken.” Er stand gebeugt am Fenster, die Ellbogen auf Comicstapel aufgestützt. Wir sahen nur seinen Rücken und die grauen Stoppelhaare am Hinterkopf. “Was macht ihr Jungs heute”, fragte er, ohne seine Haltung zu verändern. “Keine Ahnung”, sagten wir gleichzeitig, denn wie sollten wir morgens wissen, was wir am Tag machen würden, das ergab sich ja alles erst. Meistens lief es sowieso darauf hinaus, daß wir nichts machten. “Schön ist die Jugend”, sang Hugo leise und lachte vor sich hin. Stefan und ich rollten das Eispapier zu Kugeln und versuchten, den Papierkorb zu treffen. “Aufheben”, sagte Hugo, ohne hinzusehen. Wir gingen raus. Die Stühle vor dem Imbiß standen noch übereinander gestapelt, die Markise war nicht ausgefahren. Auf der Liegewiese hinten zog ein Arbeiter der Kurverwaltung der Flaggen der Reedereien auf, TT-Linie, Stena-Linie, Railship, eine nach der anderen stieg langsam hoch. Die Fahnen hingen schlaff herunter und die der Finnlines klemmte kurz vor dem Ende des Mastes. Der Arbeiter zog an den Strippen und fluchte. Man konnte ihn hören, die Luft trug den Ton ungewöhnlich weit, man hörte auch, wie die Leine, an der er zerrte, gegen den Mast schlug.
Stefan und ich gingen langsam über die Liegewiese zur Promenade und guckten dabei nebenher nach vierblättrigem Klee, den wir beide noch nie gefunden hatten, in all den Jahren nicht, obwohl wir auf der Wiese schon kilometerlang im Kreis gelaufen waren und obwohl da sehr viel Klee wuchs. “Ich glaube ja allmählich, den gibt es gar nicht in echt mit vier Blättern”, sagte ich, “nur so als Züchtung zu Silvester”. “Oder wir haben einfach kein Glück”, sagte Stefan. “Nein”, sagte ich, “das ist kein oder. Das kommt noch erschwerend dazu.”

Die Ostsee schwappte lustlos an die Findlinge vor der Promenade. “Baden?” fragte ich Stefan. “Mir egal”, antwortete er und schleuderte büschelweise faulenden Tang ins Meer zurück. Eine Möwe flog interessiert etwas näher und drehte schimpfend wieder ab, als sie sah, daß es kein Brot gab. Ich zog mich aus und ging ins Wasser, Stefan kam mir nach. Es war nicht erfrischend, es fühlte sich an, als würde man in eine laue Badewanne steigen. Erst sehr weit draußen kam von unten her kühleres Wasser. Wir schwammen parallel zum Strand, bis zum DLRG-Turm und zurück, dann setzten wir uns auf die Steine, um zu trocknen. Eine Mädchengruppe ging hinter uns vorbei, wir hörten sie kichern. “Nicht umdrehen”, sagten wir, schon wieder gleichzeitig. Die Mädchen gingen weiter, eine rief uns noch zu, daß der FKK-Strand ganz woanders sei. “Wir könnten zum Lorenz gehen, vielleicht hat er Arbeit”, sagte ich. Lorenz war ein ehemaliger Liebhaber meiner Mutter. Er hatte eine kleine Werft, ganz am Ende von Travemünde. Eigentlich war die Werft nur eine nicht sehr große Werkhalle, in der nicht sehr große Boote neu angestrichen oder ausgebessert wurden. Gelegentlich ließ Lorenz uns für ein paar Mark die Halle fegen oder unwichtige Holzteile abschmirgeln, es war alles in allem eine eher enttäuschende Angelegenheit, aber wir konnten später in Lübeck auf der Schule immerhin erzählen, wir hätten die ganzen Ferien über in einer Werft gearbeitet, das machte schon was her, wir Jungs von der Küste eben. Wir gingen am Yachthafen vorbei und durch die kleine Altstadt. Vor den Läden an der Trave baumelten bunte, aufgeblasene Gummitierchen und lange Kescher, Badetücher und Plastikeimer. Drehgestelle mit Sonnenbrillen standen vor jedem zweiten Geschäft. Die Straßen waren menschenleer und auf dem gerade abfahrenden Butterschiff Baltic Star war nur eine Handvoll Passagiere an der Reling zu sehen. Hinter der Touristenzone war etwas mehr los, normales Leben eben, es gab ja auch Menschen, die einfach arbeiteten, einkauften und Alltag hatten. Am Hafenrand liefen Männer in Overalls zwischen den Hallen hin und her, man hörte drinnen Hämmern und Schleifen. Lorenz stand in seiner Halle unter einem Segelbootrumpf und pinselte daran herum. Er winkte uns zu. “Moin”, sagte ich, “haste Arbeit?” Lorenz stellte den Pinsel in einen Topf mit weißer Farbe, sah den Rumpf prüfend an und spürte dann mit einem Finger Kratzern nach. “Moin”, sagte er, “guck an, der Volkssturm rückt ein.” Er sah sich in seiner Halle um, in der es außer ihm, dem Segelboot und haufenweise Werkzeug nicht sehr viel gab und dachte ein wenig nach. “Ich hab hier nur einen Kahn liegen”, sagte er, “nichts los in diesem Jahr.” Er ging zu einem kleinen Kühlschrank und nahm sich eine Dose Bier. “Aber meine Getränkevorräte sind schwer dezimiert. Da könntet ihr tatsächlich mal nützlich sein.” Er gab uns zehn Mark und schickte uns zum Aldi. Das war wiederum ein ziemlich weiter Weg und wir ließen uns Zeit, irgendwie mußte der Tag ja rumgehen. Auf dem Weg zum Aldi setzten wir unseren Lauflohn in einer Bude am Fähranleger schon mal in Pommes und Cola um.

Wir sahen Sarah auf dem Fahrrad vorbeifahren, Einkaufstüten schlenkerten am Lenker. Ich dachte daran, daß ich am Nachmittag mit ihr verabredet war, ich dachte, daß ich sie gestern geküßt hatte, aber ich sagte nichts. “Stimmt es, das sie wegzieht?” fragte Stefan. “Was?” fragte ich, “wie kommst du denn darauf?” “Hab ich gehört”, sagte Stefan, “weil ihre Mutter jetzt ganz zu dem Zahnarzt will. Dem Berliner. Die Mutter haut ab.” Ich sah Sarah nach. Sie fuhr das Fahrrad ihres Vaters, es war viel zu groß für sie und von hinten sah sie wie ein Kind darauf aus. Man kann doch mit einem Kind nicht einfach die Stadt wechseln. Dann dachte ich an ihre Mutter und daß sie sehr wohl nach Berlin ziehen könnte, wenn es um einen reichen Typen ging, der Gedanke war überhaupt nicht abwegig, die hatte schon ganz andere Sachen gemacht. Zahnarzt, dachte ich, meine Güte, sie wird Zahnarzttochter. Und Berlin! Berlin war ja Ausland. Sarah bog ab, wir konnten sie nicht mehr sehen. Stefan zog mich am Arm. “Komm schon”, sagte er, “du hast mir gestern noch von dieser Susi an deiner Schule da vorgeschwärmt und jetzt starrst du der wieder nach. Such dir mal was, wo du rankommst.”

Wir kauften Bier bei Aldi und trugen es zurück zur Werft. Lorenz machte sich eins auf, gab uns zwei, schob den Rest der Dosen in den Kühlschrank und pinselte an dem Rumpf weiter. “Bis bald Jungs”, sagte er, “vielleicht ist in ein paar Wochen wieder mehr los hier. Im Moment wird das nichts.” Vor seiner Halle lagen Schiffsteile herum, Masten, Taue und große Packen mit Segeln. Vor der benachbarten Halle lagen frisch angemalte Bojen, riesige Stahlungeheuer, die schwarzrot glänzten. Wir setzten uns auf die Taue und tranken das Bier. “Ein Prost der harten Arbeit”, sagte ich, und Stefan erwiderte, man hätte es nicht leicht, als Werftarbeiter, da müsse man sich schon mal was gönnen, zwischendurch. Dann warf er seine Dose in die Trave und ging durchs Gewerbegebiet rüber zum Skandinavienkai, um seine Mutter von der Fähre nach Dänemark abzuholen. Sie arbeitete auf dem Schiff am Büffet. Ich ging planlos über den Strand zurück nach Hause. Nur wenige Strandkörbe waren besetzt, die Gäste guckten mißmutig in den grauen Himmel.

Meine Mutter saß auf dem Balkon und las, sie fragte, ob ich gewußt hätte, daß Sarah und ihre Mutter bald nach Berlin zögen. Ich sagte ja klar, schon lange. Dann ging ich in mein Zimmer, machte die Tür hinter mir zu und legte mich aufs Bett. Ich stellte mir Sarah vor, ihr Gesicht, ihre Haare, alle Einzelheiten, die Augen, die Nase, das rosa T-Shirt, das sie fast jeden Tag trug, ihren Geruch, ihre Stimme. Ich stellte mir ihr Gesicht so lange vor, bis ich es gar nicht mehr erkennen konnte, bis ich nicht mehr darauf kam, wie sie aussah und nur noch ihre Umrisse sehen konnte. Ich suchte ein Foto von ihr und sah es an, da waren wir beide drauf. Es war vor ein paar Jahren aufgenommen worden, wir waren noch viel kleiner als heute und standen Hand in Hand im Sturm am Steilufer, bestimmt war ihr die Aufnahme heute peinlich. Mir war elend. Ich fühlte mich, als würde sie jetzt gerade direkt nach Berlin radeln und so, wie ich sie vorhin gesehen hatte, das war dann wohl das letzte Mal, daß ich sie gesehen hatte, denn sie fuhr ja immer weiter auf ihrem Fahrrad, bis zu diesem Zahnarzt am anderen Ende der Welt. Sie hatte nicht gewunken, sie hatte sich nicht umgedreht, sie ist mit ihren Einkaufstüten einfach immer weiter gefahren und es war ihr egal, wie ich das fand, sie hat es mir nicht einmal vorher erzählt, daß sie so weit fahren wollte. Von hinten konnte ich sie gut sehen, das konnte ich immer wieder und wieder abrufen, dieses wackelnde, übergroße Fahrrad, ihr schmaler Po in der Jeans auf dem riesigen Sattel, eine Tüte links, eine Tüte rechts am Lenker, einmal Aldi, einmal Edeka, rosa T-Shirt, wehende Haare, sie radelte weiter und immer weiter. Ich dachte, wenn sie sich jetzt umdreht und winkt, dann fange ich bestimmt an zu heulen, so etwas hält ja keiner aus. Sie drehte sich aber nicht um, sie fuhr immer weiter durch ein endloses Travemünde, das Reihen und Reihen von giebeligen Backsteinhäuschen abspulte, immer mehr bunte Gummitiere und Sonnenbrillendrehständer, Sarah von hinten, sie wurde nicht kleiner dabei, sie entfernte sich nicht, aber es wurde doch immer hoffnungsloser, je länger sie fuhr.

Wir waren am Nachmittag auf den Steinen am wilden Strand verabredet, ich sollte dort auf sie warten. Ich ging nicht hin. Ich blieb auf dem Bett liegen und versuchte, mir ihr Gesicht richtig vorzustellen. Manchmal sah ich sie lange gar nicht richtig und dann ganz plötzlich lächelte sie doch ganz deutlich, aber ich konnte das Bild nicht festhalten, es verschwamm und wurde unklar, und wo eben noch ein ganz typischer Blick von ihr war, sah ich schon kurz darauf nichts Deutliches mehr und mußte wieder bei den Einzelheiten anfangen. Wehende Haare, leicht gelockt, nicht blond, nicht braun, irgendwie dazwischen, die Strähnen hinter das rechte Ohr zurückgestrichen, über das linke Ohr fallend, der Scheitel auf dem Kopf ein wenig wie ein S gebogen, mit kleinen Unregelmäßigkeiten. Ihre Haare bekam ich gut hin, Haare waren einfach. Von den Haaren aus machte ich mit den Augenbrauen weiter. Es war gar nicht einfach, sich an Augenbrauen zu erinnern, es war genau genommen sogar sehr, sehr schwer. Wie gebogen, wie dicht, wie lang, welche Farbe genau, bis wo gingen sie, ich hatte keine Ahnung und ich sah nichts vor mir, aber ohne Augenbrauen gelang mir auch die Nasenwurzel nicht richtig und auch bei den Ohren ging es nicht weiter. Sie hatte Ohren, natürlich, aber was für welche bloß. Wahrscheinlich eher kleine, aber eigentlich hatte ich keine Ahnung. Nur von hinten, dachte ich, von hinten geht es, von hinten bleibt sie ganz klar, da kann ich jedes Haar einzeln wehen sehen. Immerhin.

Sie zog kurz darauf nach Berlin, ich habe sie nie wiedergesehen.

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