Manchmal gibt es Pechsträhnen, man fängt ein Buch nach dem anderen an, liest sich von der linken in die rechte Ecke des Nachttischs, und es ist einfach nichts dabei. Der zweite Band der Kurzhosengang: entsetzlich bemüht, krawallig, laut und zusammengestöpselt, überhaupt kein Vergleich zu dem prachtvollen und liebenswerten ersten Band. Alan Bennet, Die Lady im Lieferwagen: sehr nett, ganz kurzweilig, aber irgendwie auch vollkommen egal. Ingo Schulze, Handy – dreizehn Geschichten in alter Manier: haben mich so überhaupt nicht interessiert, daß ich jetzt nach zwei Tagen schon komplett vergessen habe, worum es ging. Brigitte Giraud, noch so ein preisüberhäufte Französin wie neulich die mit dem Klatschmohn. Die Liebe ist doch sehr überschätzt: Kurzgeschichten aus weiblicher Perspektive – und man denkt als lesender Mann immer nur, ja natürlich verlassen sie dich, würde ich auch tun und zwar schnell und hör endlich auf mit dem nervtötenden Genöle. Unerträglich. So weit so Pech.

Dann die Rettung. Hans-Ulrich Treichel, den ich ohnehin sehr schätze, mit seinen Frankfurter Poetikvorlesungen: Der Entwurf des Autors. Eines dieser abstoßend nüchternen Suhrkampbändchen, wie damals in der Unibibliothek, aber was für ein schöner Inhalt. Geistreich, amüsant, erhellend und tiefgründig erzählt er von seiner Schriftstellerwerdung und auch wenn man jetzt denkt, so etwas hat man schon tausendmal gelesen – das ist ganz groß. Man möchte auf der Stelle tagelang über seine eigene Kindheit nachdenken und wenn man, wie ich, gelegentlich auch über Kindheit schreibt, müßte man jetzt eigentlich eine Woche Urlaub nehmen und sich mit sich selbst zur Beratung zurückziehen. Das Buch ist ein wunderbarer Beweis, wie lohnend es sein kann, über sich selbst nachzudenken. Lebhafteste Empfehlung!

Ich zitiere einen kleinen Abschnitt aus dem ersten Kapitel:
„Ich weiß nicht, in welchem Zustand ich war, als ich zur Welt kam. So schlimm wird es nicht gewesen sein, als daß es für den dramatischen Beginn einer Erinnerungsschrift ausreichen würde; und ich kann, zu meinem eigenen schriftstellerischen Leidwesen, auch nicht behaupten, daß ich mehr als einmal von einem Lehrer geohrfeigt oder gar mit einem Rohrstock über die Flure von Kadettenanstalten gejagt worden bin. Gern würde ich, wie einst der geplagte Schiller, den „naturwidrigen Beischlaf der Subordination und des Genius“ für mich geltend machen, aber ich kann dies verständlicherweise nicht einmal in Ansätzen tun. Nicht nur wegen des Genius, sondern auch, weil mein kriegsversehrter und einarmiger Vater zwar streng, aber kein absoluter Herrscher war, dazu hätte es unter anderem des zweiten Armes bedurft.“

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