Ich stand auf dem Platz vor dem Strandbahnhof, von dem die Doppeldeckerbusse nach Lübeck abfuhren, und wartete. Es war kalt, und es fiel ein hauchfeiner Schnee, der die Straßen hellgrau einfärbte. Ich wartete allein, im Lichtkreis der Bogenlampen an der Haltestelle war niemand zu sehen, auch der Kiosk war schon geschlossen. Nur etwas weiter, am Rand des Platzes, bei einem Lebensmittelgeschäft, räumte jemand Obstkisten von der Auslage zurück in den Laden, es war Feierabend. Mir war kalt, und ich hüpfte etwas auf und ab, ich hatte nasse, eisige Füße in meinen durchgelaufenen Turnschuhen, und warum so ein dünner Bundeswehrparka wintertauglich sein sollte, hatte ich nie verstanden. Der Bus, auf den ich wartete, stand nur ein paar Meter entfernt auf seinem Pausenplatz, einem mit weißer Farbe auf den Asphalt gepinselten Rechteck. Der Busfahrer saß bei laufendem Motor rauchend am Steuer und las die Lübecker Nachrichten im Licht der kleinen Lampe über dem Armaturenbrett, seine Hemdsärmel waren hochgekrempelt, die graue Dienstjacke hing hinter ihm an einem Haken. Sein Platz war offensichtlich warm, und der Busfahrer sah gelegentlich mit einem Ausdruck der Belustigung auf mein frierendes Hopsen, die ganze Seelenlosigkeit seines Berufsstandes im Blick.

Als die Digitalziffern der großen Uhr am Bahnhof auf die richtige Minute umsprangen, fuhr er endlich vor. Er machte das Innenlicht im ganzen Bus an, und die vordere Tür schwang mit einem schwachen Zischen zur Seite. Es roch beim Einsteigen nach kaltem Rauch und Busfahrerschweiß, und der Fahrer winkte mich mit einem nachlässigen Handwedeln durch, ohne meine brav hochgehaltene Schülermonatskarte auch nur eines Blickes zu würdigen. Er sah stoisch geradeaus. Ich ging die Treppe hinauf aufs Oberdeck, setzte mich in die erste Reihe, legte die Beine hoch, kratzte ein Guckloch in die vereiste Scheibe und zündete mir eine Zigarette an.

Der Bus fuhr fast ohne Halt durch das dunkle und unbelebte Travemünde. Wenn man nicht gerade nach Lübeck in die Disco fuhr, gab es anscheinend wenig Grund, sich bei dem Wetter draußen herumzutreiben. Hier und da in den Schaufenstern blinkten schon Weihnachtsdekorationen, und in einigen Wohnungen sah man frühe Tannenbäume mit Elektrokerzen. Die Trave war in der Dunkelheit und im leichten Schneetreiben nicht zu sehen, nur die Positionslampen der großen Fährschiffe am Skandinavienkai leuchteten rot und grün durch den Winterabend. Als der Fähranleger hinter uns lag und der Bus auf der Landstraße an schwarzen Äckern vorbei durch die Finsternis fuhr, setzte ich mir die Kapuze auf und machte die Augen zu. Ich lehnte mich weit zurück und stellte mir die Fahrstrecke des Busses vor, statt weiter aus dem Fenster zu sehen. Alle paar Minuten machte ich die Augen auf, um zu prüfen, ob meine Vorstellung mit der wirklichen Strecke übereinstimmte, aber in den vielen Jahren als Schülerpendler hatte ich soviel Übung darin erlangt, daß ich jede kleinste Kurve am Körpergefühl erkannte. Selbst wenn ich zwischendurch kurz einschlief, konnte ich beim Aufwachen, ohne die Augen zu öffnen, nach ein paar Sekunden bestimmen, wo der Bus gerade war, auf welcher Höhe der Landstraße, an welcher Haltestelle eines Vororts oder an welcher Kreuzung in der Lübecker Innenstadt.

Ich wachte auf, weil meine Wange die beschlagene, eiskalte Seitenscheibe berührte. Der Bus fuhr durch das schmale Burgtor in die Lübecker Innenstadt, und wie immer sah es aus, als würden die oberen Ecken des Busses ungebremst gegen die Mauern der Durchfahrt knallen, aber wie immer fuhr der Bus einfach durch, als wären noch ein paar Meter Platz, wo es sich doch tatsächlich nur um wenige Zentimeter handelte. Auf den Straßen in der Stadt war der Schnee bereits zu Matsch zusammengefahren, von den Rädern der Autos flogen schwarzbraune, breiige Klumpen auf die Fußwege. Auch in Lübeck waren nur wenige Menschen unterwegs, hier und da kamen noch einige Verspätete mit vollen Tüten aus den Geschäften. In der Fußgängerzone bereiteten Arbeiter auf Leitern die Weihnachtsbeleuchtung vor.

Ich stieg am Stadttheater aus, zusammen mit dem einzigen anderen Fahrgast, einem älteren Schüler im Popperoutfit, der die Haartolle und den Kaschmirschal in parallelem Schwung nach hinten geworfen hatte. Wir grüßten uns flüchtig, denn wir konnten uns schlecht ignorieren, wir kamen schließlich aus demselben Kaff und kannten uns seit Jahren. Reden mußten wir aber nicht mehr miteinander, seit wir nicht mehr derselben Kultur angehörten, also etwa seit diesem Sommer, als die Jugendmode über unseren Jahrgang gekommen war und die Spreu vom Weizen getrennt hatte.

Streuwagen fuhren orangeblinkend durch den Schneematsch, die Nässe überfror und die Fußwege waren stellenweise blank vor Eis. Ich ging rutschend die Königstraße hinauf, am Rathaus vorbei, über den Kohlmarkt und bis zum Dom, wo ich an einem Kiosk Dosenbier kaufte, um mich auf die Disco vorzubereiten. Ich trank zwei Dosen auf ex, um sicherzugehen, daß ich schon etwas merkte, bevor ich mich später stundenlang an einem teuren Bier festhalten mußte. Das eiskalte Bier fühlte sich an, als würde es meine Körpertemperatur binnen Sekunden auf Außentemperatur herunterkühlen, und ich fing unwillkürlich schon wieder an zu hüpfen. Die letzten Schlucke trank ich im Gehen.
Ich zog rutschend und schlingernd, so schnell es ging, durch die Altstadt, um mich aufzuwärmen, bis die schneeige Luft in meinen Lungen brannte. Zeit für die nächste Zigarette. Ich stand vor der Leuchtreklame der Stadthalle, in der ein Bud-Spencer-Film lief. Bud Spencer grinste prächtig und breit in einem Hawaiihemd von den Plakaten und sah nicht aus, als würde er jemals frieren.

Ich zog die Schultern hoch, machte die Kapuze enger und ging zum Body & Soul. Das Body & Soul war die Disco für alle, die nicht edel genug für das Hüx waren und nicht alt genug für das Galaxis. Der Türsteher fragte nach meinem Ausweis und lachte, als er mein Geburtsdatum sah. Er lehnte lässig an der Tür des Body & Soul, und auf seinen überbreiten Schultern lag ein wenig Schnee, der herunterrieselte, als er sich zu mir beugte. „Hey, Kleiner“, sagte er, „viel Spaß mit den Großen!“
Es gab in diesem Alter zwei Sorten von Jugendlichen, es gab Einfachreingeher, und es gab Ausweisvorzeiger, und ich war zu meinem Leidwesen immer ein Ausweisvorzeiger. Ich kam nie irgendwo glatt durch, und selbst wenn alle Freunde der Reihe nach durch eine Tür gingen, konnte man sicher sein, daß bei mir Schluß mit Einlaß war und mich jemand darauf hinwies, daß heute kein Kinderabend war.

Er schob mich durch den schweren Vorhang an der Außentür, wobei er mit nur einer Hand meinen ganzen Rücken zu umfassen schien, ein entschieden unheimliches Gefühl. Meine Brille beschlug sofort, und ich blieb notgedrungen im Eingang stehen, das typische Bremsverhalten der Brillenträger im Winter, andere rannten mir in die Hacken, während ich auf meine Brille hauchte, damit herumwedelte und wartete, daß der freiwerdende Fleck in der Mitte der Gläser endlich größer werden würde. Schließlich setzte ich die Brille wieder auf und sah mich mit noch stark eingeschränktem Blickfeld in dem dämmrigen Raum um. Ein paar Jugendliche hockten in einem fahlen, zerfransten Trockeneisnebel auf teppichüberzogenen, grauen Würfeln und starrten auf die fast leere Tanzfläche.
Auf der Tanzfläche tanzten nur zwei Mädchen zu einer extralangen Version von „John Wayne is big leggy“, sie sahen auf den Boden und bewegten sich in kleinen Kreisen umeinander herum. Röcke mit Schottenkaro in Knielänge, die Haare hochgeföhnt, weich fallende Pullover mit darüber getragenen Plastikgürteln. Partnerlook. Ich ging zum Tresen und bestellte ein Bier, trank einen kleinen Schluck, rauchte noch eine und guckte möglichst unbeteiligt und scheinbar ziellos in den Raum. Es war allerdings nicht ganz so einfach, ziellos zu gucken, denn nur zwei Hocker weiter saß ein Mädchen in meinem Alter, mit einer unglaublichen roten Haarpracht, die sich in verblüffend natürlich aussehenden Locken über ihre Schultern legte. Schon in die Haare hätte man sich verlieben können. Daß ihr Gesicht auch noch schön war, schien eine fast schon unnötige Steigerung des ersten Eindrucks zu sein. Nie gesehen, dieses Mädchen, sie war nicht von meiner Schule und auch nicht von einem der anderen großen Innenstadtgymnasien, soweit kannte man sich da ja aus. Sie sah aber auch nicht aus wie ein Friseurlehrling oder eine Verkäuferin, für eine Studentin war sie zu jung, es war unerfindlich, woher sie aufgetaucht war. Sie war alleine da. Sie sah sich um und dabei durch mich durch, als wäre ich ein Fleck in der Tapete, ihr Blick blieb keine Hundertstelsekunde an mir hängen. Sie gab dem Barkeeper ein Zeichen mit dem Zeigefinger, sehr routiniert, als würde sie jeden Abend in der Disco sitzen, und er nickte nur leicht und stellte ihr irgendein sehr buntes Getränk hin, von dem sie sofort einen Schluck trank, ohne danke zu sagen oder den Barkeeper auch nur eines Blickes zu würdigen. Sie wühlte in ihrer Handtasche, runzelte die Stirn, griff nach ihrer Jacke, faßte in jede Tasche und klopfte schließlich auf ihre Hosentaschen, so gut das im Sitzen eben ging. Schnell wie der Roadrunner stand ich neben ihr und bot ihr eine meiner Zigaretten an, die Schachtel geöffnet, eine Zigarette schon halb herausgeklopft, ganz der Profi, ganz wie ein Mann von Welt in irgendeiner Bar. „Bitte“, sagte ich, und sie nahm die Zigarette mit einem überraschten Blick an, ein amüsiertes Grinsen im Gesicht und die Augenbrauen verdächtig weit erhoben. „Feuer?“, fragte ich und zückte schon das Feuerzeug, klickte es an und hielt es ihr hin, während ihr der Barkeeper in derselben Sekunde ein brennendes Streichholz hinhielt, mit dem er eben noch Teelichter auf dem Tresen angezündet hatte. Sie drehte ihren Kopf zwischen Streichholz und Feuerzeug hin und her, lachend, wollte etwas sagen und drehte sich noch einmal, die Haare flogen wie in der Fernsehwerbung, rot aufleuchtend und schimmernd im bunten Licht der Strahler über der Tanzfläche. Allerdings drehte sie den Kopf so schwungvoll, daß ihre Locken sich genau in meine Feuerzeugflamme bewegten und ihre Haarspitzen dabei in dem ganzen weiten Kranz der wehenden Strähnen knisternd in Flammen aufgingen. In einem verständlichen Reflex zuckte sie zurück von mir und meiner Hand, wodurch der Barkeeper, der nicht recht bei der Sache war, sein Streichholz unabsichtlich mitten in ihre Haare hielt, erschrak und beim Zurückziehen der Hand die eben entzündeten Kerzen in ihren gläsernen Haltern vom Tresen fegte, sie zersprangen auf den Kacheln vor seinen Füßen. Das Mädchen war aufgesprungen, der Barhocker gestürzt, sie griff sich hektisch in die Haare, eine kleine Rauchwolke mit dem beißenden Geruch verbrannten Haars über dem Kopf, sie sah fassungslos auf ihre abgesengten Spitzen, die sie hektisch befingerte, während der Barkeeper und ich mit offenen Mündern und immer noch ausgestreckten Händen weiterhin die Mordwerkzeuge ihrer Frisur präsentierten.

Statt wüster Beschimpfungen, die keinen weiter verwundert hätten, gab sie nur unartikulierte Laute von sich und sah in einem schier beängstigenden Maße wütend aus, ihre Hand zitterte sichtlich, als sie Strähne für Strähne ihrer Frisur untersuchte. Der Barkeeper stammelte ein tonloses „oh, Mann“ und ich, der ich mich für einen Großmeister der Eloquenz gehalten hatte, sagte, was mir als einziges durch den Kopf ging: „Meine Güte, das stinkt ja echt wie Sau“.

Das Mädchen starrte immer noch den Barkeeper und mich an, als wären wir Erscheinungen aus der Geisterbahn. Er stellte ihr ein weiteres buntes Getränk vor die Nase, mit einem geradezu flehentlichen „aufs Haus!“, und ich, der ich erschrocken überlegte, was ich da gerade eben von mir gegeben hatte, sagte im nahezu gleichen Moment „ich lad dich ein, okay?“ Das Mädchen griff nach Tasche und Jacke, warf das Glas mit dem bunten Getränk in einer ausholenden Geste vom Tresen, stand ruckartig auf und ging zur Tür. Der schwere, braune Vorhang schloß sich hinter ihr. „Alter Schwede“, sagte der Barkeeper, während er die Scherben zusammenfegte, „nicht der beste Einstieg in den Abend.“ Ich bestellte ohne Rücksicht auf meine finanzielle Lage zwei Bier gleichzeitig, stellte den Hocker auf und wedelte den Rest des wirklich unangenehmen Geruchs nach verbranntem Haar weg. Es war inzwischen etwas voller geworden, und etliche der Gäste starrten uns an, es dauerte ein, zwei Lieder bis andere Menschen wieder interessanter wurden als die beiden Deppen an der Theke, von denen der eine jetzt vor drei offenen Bierflaschen gleichzeitig saß und der andere zerbrochene Glaskerzenständer zusammensetzte wie ein 3-D-Puzzle.

„Die sah aber gut aus“, sagte ich, und „Ja“, sagte der Barkeeper, „bevor sie uns traf jedenfalls. Austauschschülerin aus Amerika, glaub ich.“ Gut, dachte ich, die ist dann ja bald wieder weg, dann werde ich sie jedenfalls nicht noch jahrelang treffen und immer an diese Szene erinnert werden. Aus den Augen, aus dem Sinn. Ich saß da und sah auf die Tanzfläche, damit beschäftigt, mir die drei Bier und die paar Zigaretten, die ich noch hatte, so einzuteilen, daß ich damit einen möglichst langen Teil des Abends füllen konnte. Was machte man mit den Pausen, in denen man nicht an einer Zigarette ziehen oder an einem Bier nippen konnte, wo ließ man seine Finger, welche Haltung nahm man ein? Auf die Tanzfläche sehen, etwas mitwippen, nur in den Knien, ganz leicht, eher cool, bloß nicht überambitioniert. Hände stillhalten. Hin und wieder wechselte ich einen Satz mit dem Barkeeper, der aber im Laufe des Abends immer beschäftigter wurde und kaum noch eine ruhige Minute hatte. Die gläsernen Kerzenhaltertrümmer standen wie ein Mahnmal auf der Theke, keiner räumte sie weg. Ein Lied reihte sich an das andere, die Tanzfläche wurde kaum voller, egal, welche Richtung angespielt wurde. Mal mehr, mal weniger Trockeneisnebel, dazu die Rauchschwaden der Zigaretten. Wenn der Vorhang aufging und neue Besucher aus der Kälte hereinkamen, geriet die Raumluft sichtbar in Bewegung, der Schwall Frischluft von draußen schubste den bläulichen Dunst ein wenig zur Seite, um dann doch spurlos darin zu verschwinden. Ein paar Mitschüler tauchen auf, aber aus der falschen Clique, man kannte sich, mehr nicht. Niemand, zu dem ich mich stellen würde, niemand, der sich zu mir stellen würde.

„Tainted Love“ von Soft Cell, und die Tanzfläche füllte sich doch noch. Wieder wurde der Vorhang am Eingang zur Seite geschoben, und ein kleines Grüppchen Lübecker Punks kam herein, verfroren und elend aussehend. Ihr Outfit war zwar sorgsam gewählt und in seiner Heruntergekommenheit mit Liebe gestaltet, warm war es aber nicht. Ich winkte ihnen zu, und sie kamen zu mir. „Hey, Kleiner“, sagte Leuchte, der seinen Spitznamen wegen seiner leuchtturmmäßigen Größe trug, „ist kalt draußen.“ „Ja“, sagte ich, „ich weiß.“ „Gibst du uns ein Bier aus?“, fragte er. Mit den Punks befreundet zu sein, trug erheblich zu meiner sonst eher schwach ausgeprägten Coolness bei, war aber leider ein beträchtlicher Kostenfaktor, denn sie gingen davon aus, daß alle anderen mehr Geld hatten als sie. Das war in meinem Fall und besonders an diesem Abend unzutreffend, und ich mußte die Frage verneinen, bot ihnen aber den Rest aus meiner angebrochenen Flasche an. Leuchte leerte sie sofort, bevor die anderen zugreifen konnten.

„Laß mal nach oben gehen“, sagte er und zeigte auf die Galerie, die oben die Tanzfläche umrundete und wir stiegen die schmale Treppe hinauf. Sein Iro wippte schneebeschädigt auf Halbmast. Leuchte und die anderen beiden Punks stellten sich an das Geländer der Galerie und sahen nach unten, wo die Tanzfläche jetzt ziemlich voll war. Die Musik war lauter worden, trotzdem hörte man von hier oben immer wieder vereinzelte gesungene Liedfetzen, die die Tanzenden da unten mitsangen. „I’ve got to — run away — for I toss and turn and can’t sleep at night“. Alle Köpfe im Raum nickten zu dem simplen Rhythmus, beim Refrain gingen die Arme hoch, und die Drehungen wurden schneller. Röcke wirbelten, Haarspray gab nach, Frisuren lösten sich, Schweißflecken breiteten sich auf bunten T-Shirts aus. Das Stück war zu Ende und wurde sofort noch einmal gespielt, Lachen und Beifall von unten, noch mehr Menschen kamen auf die Tanzfläche, neben uns auf der Galerie standen Schüler vom Johanneum und klatschten mit, Arm in Arm.

„Weißt du, was Punk ist?“, fragte mich Leuchte von der Seite und sah mich erwartungsvoll an. „Weißt du, was Punk ist?“, wiederholte er lauter, gegen die Musik anbrüllend, die den Raum jetzt ausfüllte, als wäre sie unter Druck hineingepumpt worden. Er klang, als hätte er im Laufe des Abends schon etliche Biere zusammengeschnorrt. „Was weiß ich“, sagte ich, „gib mir ein Bier aus, vielleicht komme ich dann drauf“. Punk hatte, das stand fest, viel mit Alkohol zu tun, zumindest bei allen Punks, die ich kannte, so falsch konnte die Antwort also nicht sein. „Nee“, antwortete Leuchte, „nee, das kannste einfacher haben, die Erklärung. Hier, guck mal.“ Und er zeigte nach unten, wo sich einige der Tänzer auf einmal hektisch in die Haare griffen und suchend nach oben guckten, als hätte ihnen jemand etwas auf den Kopf geworfen. Ich verstand nichts, bis Leuchte an sich herunterzeigte, wo er mit der anderen Hand seinen Schwanz beim Pinkeln über der Tanzfläche kreisen ließ, um alle Tanzenden zu erwischen.

Unten leerte sich die Mitte des Raumes jetzt schlagartig, es gab ein Gedränge am Rand der Tanzfläche, Finger zeigten auf das Grüppchen um Leuchte und mich, erst nur zwei, drei, dann viele, dann, wie es mir vorkam, alle. „Das gibt Ärger“, stellte ich fest. „Voll der Punk“, sagte Leuchte kichernd und packte endlich seinen Schwanz wieder ein. Die Musik ging aus, es wurde schlagartig hell im Raum, und während ich noch darüber staunte, wie banal und klein alles bei Licht aussah, stand schon der Türsteher hinter uns, klemmte sich uns unter die Arme wie Altkleider, schleifte uns die Treppe hinunter und stellte uns vor der Tür wieder ab. „Polizei kommt gleich“, sagte er unaufgeregt, in einem Tonfall, als wäre das eine beruhigende Nachricht. Die Straßen waren jetzt durchgehend weiß, wir standen im Schnee. Die Stadt war still, wie abgeschaltet. Nur aus dem Inneren des Body &Soul hörte man, wenn der Vorhang sich bewegte, wütende Stimmen und Gekeife. Ein zweiter Türsteher hielt die Menge innen fest, um eine Schlägerei zu verhindern. Rübezahl sah uns ohne weitere Regung an, er machte nur seinen Job.

Die Polizei ließ mich nach kurzer Befragung gehen, da Leuchte geständig war und schon zur Begrüßung „Das ist Punk, ihr Bullenwichser“ sagte, was gründlich genug von mir ablenkte. Ich hatte meinen Ausweis bereits in der Hand, und nicht einmal den wollten sie sehen, niemand interessierte sich weiter für mich. „Ihr habt hier natürlich Hausverbot“, sagte Rübezahl, als wäre das die selbstverständlichste Mitteilung der Welt, „und zwar lebenslang.“ „Ich war’s nicht“, sagte ich, „ich stand nur zufällig daneben.“ „Verpiß dich“, sagte Rübezahl, „und komm nicht wieder.“ Die Polizei nahm Leuchte mit zum Revier, ich ging die Mengstraße hinauf bis zur Haltstelle des Doppeldeckers nach Travemünde, der erst in fünfzig Minuten kam.

An meinem letzten Geburtstag war ich mir ganz sicher gewesen, daß mein Leben bedeutend besser werden würde, wenn ich erst abends ausgehen würde, wenn ich viele, viele Mädchen kennenlernen würde, wenn ich mich in das Nachtleben stürzen würde. Wenn ich wild und gefährlich leben würde, wie es auf der Postkarte stand, die bei uns allen an der Wand hing. Als ich auf den Bus nach Hause wartete, schien mir das Gefährlichste allerdings die Kälte zu sein, denn mein Parka hing noch im Body & Soul, und zurückzugehen und danach zu fragen, war wohl nicht ratsam. Das abendliche Ausgehen, von dem ich jahrelang geträumt hatte, schien sehr viel mit dem Herumhüpfen an Haltestellen zu tun zu haben und nicht so viel mit erfolgreichem Flirten.

Ich ging in einen türkischen Imbiß und bestellte einen Tee. Türkischer Tee, das billigste Heißgetränk, das man in der Stadt bekommen konnte. Sehr heiß, sehr süß. Vor dem Fenster ging das rothaarige Mädchen vorbei, es sah rein, erkannte mich aber durch die halb beschlagene Scheibe nicht. Hinter ihr gingen ein paar Popper, vielleicht liefen sie ihr nach, vielleicht sah es auch nur so aus. Sie ging sehr schnell, wahrscheinlich runter zum Hüx, der Disco für die Schönen. Da gehörte sie auch hin, keine Frage, selbst in angekokeltem Zustand. „Kein Mädchen dabei?“, fragte mich der türkische Mann hinter der Theke. Ich dachte nein, leider nicht. Ich bin zu klein für mein Alter, ich bin dünn wie ein Streichholz, ich habe Pickel und zünde neuerdings Frauen an. Außerdem habe ich in der einzigen akzeptablen Disco weit und breit für alle Zeiten Hausverbot. Die Lage war, wenn man es recht bedachte, nicht die beste. „Kein Mädchen dabei?“, fragte er noch einmal, stellte sich neben mich und sah auf die Straße hinaus, auf der jetzt niemand mehr zu sehen war. „Nein“, sagte ich schließlich, „man muß ja auch mal alleine ausgehen können. Weißt schon.“ Er nickte und sah mich lächelnd an. „Ich weiß“, sagte er und stieß mich mit dem Ellenbogen an. „Männer brauchen Auslauf“.

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