Er kommt ja bisher fast gar nicht vor, obwohl er jetzt schon über drei Monate alt ist, es dreht sich hier fast immer alles um Sohn I. Der macht einfach mehr. Sohn II macht tatsächlich noch nicht sehr viel, außer trinken, schlafen und lachen. Das hat zwar so mancher auch als Lebensziel, aber es ergibt doch zunächst nicht viele Geschichten, zumal wenn man all die Babypointen schon bei Sohn I verbraucht hat. Die Schwierigkeiten beim Wickeln, beim Schlafen, beim Herumtragen – über alles wurde schon bei Sohn I berichtet. Da muß man sich als zweites Kind schon etwas Mühe geben, wenn man auch einmal erwähnt werden möchte.

Wir waren auf besonderen Wunsch von Sohn I am Heiligen Abend in der Kirche, eine Erfahrung, die mir bisher gänzlich fremd war. Das ganze Heimatdorf schien den kleinen Bau der Friedewalder Kirche zu füllen, es gab sogar Gedrängel um die Stehplätze. Man schwitzte kollektiv in dem völlig überheizten Gotteshaus, während oben neben der Orgel der dörfliche Posaunenchor dröhnte. Sohn I war vollkommen hingerissen und sah sich beglückt in dem Kirchenschiff um, er scheint einen Sinn für Inszenierungen zu haben. Sohn II lachte fröhlich vor sich hin, das tut er aber in der Regel bei jeder Gelegenheit. Der Pastor begann zu predigen, Sohn I hörte beeindruckt zu, wobei er mir mehrmals nachdrücklich „Pastor!“ und „gleich Lala!“ zuflüsterte. Immer gut, jemanden dabeizuhaben, der einem alles erklärt. Der Pastor las aus dem Lukas-Evangelium und endlich, endlich sah auch Sohn II seine Stunde gekommen, um etwas zu machen, was ihm allgemeine Aufmerksamkeit schenken sollte. Er wartete bis der Pastor bei der Stelle „Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe“ war, um dann genau bei diesen Worten, in verblüffender Lautstärke und für die ganze Gemeinde schön hörbar, seine eigenen Windeln unter langem Furzen reichlich zu füllen, begleitet von einem zufrieden glucksenden Lachen. Natürlich brachte dieses Geräusch jeden dazu, ganz unmittelbar zu verstehen, daß aus dem frisch geborenen Gott nun eine zunächst sehr irdische Angelegenheit geworden war. Und da die Herzdame mit dem Kind nicht mal eben aufstehen konnte, ohne gleich die ganze Gemeinde aufzuscheuchen, hat sie die Windeln neben sich auf der Kirchenbank gewechselt, so daß die frohe Botschaft auch allgemein über die Nasen wahrgenommen werden konnte. Ob darüber nun jubelnd der Engelein Chor schwebte oder nicht, unten ging es zunächst einmal um Kacke, am Ende ist das eben auch ein Aspekt der Weihnachtsgeschichte. Und daß die Heiligen Drei Könige Weihrauch und Myrrhe brachten, wer weiß, am Ende hatte es einen ganz praktischen Hintergrund.

Und ich bin ein wenig stolz, daß Sohn II schon so früh Sinn für Pointen hat.

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