Es schneit schon wieder, und der Schnee bleibt sogar liegen. Hamburg in weißer Schönheit. Die Eltern ringsum geben sich schon seit den ersten Schneefällen begeistert, endlich kann man den Kleinen verdeutlichen, daß es dieses seltsame Zeug aus den Bilderbüchern wirklich gibt. Man kann Winter erklären, Schlitten, Schneemänner, Schneeschippen, Schneebälle, Eis, das ganze Programm. Eine weitere Generation in diesem Land kann trotz Klimawandel mit einem klassischen deutschen Winterbild aufwachsen, ist es nicht wunderbar. Man wirft mich mit den Ballen, der Weg ist mir verschneit, wie es in den alten Texten heißt, der eine oder andere wird es noch aus Lesebüchern kennen.

Ich zeige Sohn I den Schnee vom Fenster aus und verkünde ihm, daß wir gleich, toll, toll, rausgehen werden. Schneespaziergang! Vater und Sohn! Sohn I nickt freundlich aber zurückhaltend, es ist überhaupt ein auffallend höfliches Kind. Ich ziehe ihn an. Es ist unfaßbar, was man einem Kleinkind alles anziehen muß, bevor man bei so einem Wetter endlich vor die Tür kann, Windel, Unterhemd, Body, Strumpfhose, Pullover, Strickjacke, Schal, Mütze, Handschuhe es nimmt und nimmt kein Ende. Endlich werfe ich mir selbst schnell eine Jacke über und öffne schwungvoll die Wohnungstür: „Jetzt! Wir gehen raus! In den Schnee! Toll!“

Sohn I bleibt auf der Schwelle stehen, sieht mich griesgrämig an, hebt die Schultern, zieht den Kopf ein, und murmelt: „Kei… Sch… nich raus…“. Er hat den Großteil einer Hand im Mund, man kann ihn kaum verstehen, aber das, was bei mir ankommt, ist schlimm genug. Ich knie mich vor ihn hin, man soll immer auf Augenhöhe sein, bei ernsten Gesprächen. „Sohn“, sage ich, „es ist Winter. Da gehört Schnee dazu. Man kann damit spielen und so, Schnee ist toll. Eine Kindheit ohne Schnee ist praktisch nicht denkbar. Wir gehen jetzt raus und haben Spaß, OK? Wir zwei? Mein Großer?“

Der Sohn schüttelt den Kopf, beißt auf seiner Hand herum und nuschelt: „Nich raus. Kei… Sch. kalt.“

Irgend etwas in seiner Haltung reizt mich. Dieses zögerliche Nichtwollen, dieses mißmutige Schulternhochziehen, dieser grundlos leidende Blick. Von draußen hört man das vergnügte Jauchzen der anderen Kinder auf dem Spielplatz vor der Tür, sie bauen Schneemänner und tollen herum, nur mein Sohn steht starr und bockig im Türrahmen und schüttelt den Kopf. „Als ich Kind war“, sage ich, „da gab es im Winter noch jeden Tag Schnee! Da konnte man sich gar nicht aussuchen, ob man rausgehen wollte oder nicht! Da schneite es dauernd, tennisballgroße Flocken und die blieben immer liegen! Immer! Und wir hatten keine kuschelige Funktionskleidung, sondern nur kratzige Wollstrumpfhosen, eisige Gummistiel und ewignasse Stoffhandschuhe, aber wir waren trotzdem immer draußen. Drinnenbleiben war gar nicht vorgesehen! Und wir sind auch nicht erfroren! Oder nur ein bißchen! Warum zum Teufel willst du nicht rausgehen?“

Der Sohn guckt zum Boden und schüttelt den Kopf. Ich überlege, mir die kleine Heulsuse zu schnappen und draußen in einen Schneemann einzubauen. Da nimmt er endlich einmal die Hand aus dem Mund und sagt: “Kann nicht rausgehen. Keine Schuhe an. Zu kalt.“ Und er zeigt auf seine in der Tat nur bestrumpften Füße, die wirklich keinen sehr winterfesten Eindruck machen.

„Du wolltest mit ihm doch nicht etwa ohne Schuhe raus?“ fragt die Herzdame, die gerade mit Sohn II über der Schulter vorbeikommt und uns verwundert anguckt. „Nein“, sage ich, „natürlich nicht. Ich war gerade im Begriff, sie ihm anzuziehen.  Du traust mir auch alles zu.“

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