Die Hopplermodernisierung

Man muß natürlich höllisch aufpassen, wenn die Kleinen gerade in der Phase der Sprachexplosion sind, denn tatsächlich reicht ihnen manchmal nur einmaliges Hören und Verstehen, um ein Wort ein für allemal abzuspeichern. Wenn das Kind dann morgens mit der Kleidung kämpft und „Scheißschuhe!“ brüllt, dann weiß man wieder, was man gesagt hat, als man es neulich sehr eilig hatte und die Dinger nicht an seine Füße bekam. Korrekturen sind da schwer möglich, die Kinder hängen verbissen an dem, was sie gerade erst frisch gelernt haben. Es hat wenig bis gar keinen Zweck, den Sohn zu bitten, doch lieber „dummes Stiefelchen“ zu sagen, er erkennt die Absicht und ist verstimmt. Er weiß, daß er Recht hat, denn so spricht Papa gar nicht in Wahrheit.

Noch halten sich die Desaster bei uns in Grenzen. Sohn I fiel im Kindergarten bisher nur dadurch auf, daß er, wenn ein anderes Kind rülpst, stets fröhlich und laut „Mahlzeit“ ruft. Er hält es für eine Form der Höflichkeit, versteht sich. Kann man ja nicht ahnen, daß sich der Familienjargon jetzt so schnell nach außen verbreitet. Etwas schwieriger ist die Sache mit den festlichen Höhepunkten des Jahres, da gibt es neuerdings ein kleines Problem. Nachdem der Sohn einfach nicht aufhören wollte, stundenlang aus dem Fenster nach dem Weihnachtsmann Ausschau zu halten, der doch bekanntlich erst in ziemlich viel Monaten wieder vorbeikommt, dachten wir nämlich, es wäre vielleicht sinnvoll, ihn auf das nächste Highlight vorzubereiten, also auf den Osterhasen. Immer nur darauf herumzureiten, daß der Weihnachtsmann wieder weg ist, das klingt auf Dauer doch zu negativ, wir wollten ihm gerne eine erfreulichere Aussicht bieten. Außerdem können wir das Thema Weihnachten nicht mehr hören.

Wir saßen beim Abendbrot in der Küche. Der Sohn beobachtete gerade fasziniert den Toaster, den er mittlerweile ganz alleine bedienen kann, und fragte uns nebenbei, ob morgen wieder der Weihnachtsmann käme. Mit Rentieren. Und Engeln. Ich erklärte ihm, daß nun erst einmal der Osterhase dran sei, der würde demnächst kommen, wenn es draußen wieder etwas wärmer sei. Der Sohn, der mit seiner Aufmerksamkeit größtenteils bei dem Gerät vor ihm war, hörte nur halb zu. „Osterhase!“ sagte ich, um kindgerechte Kürze bemüht, „kommt bald!“

Der Sohn sah mich an, sagte „Toasterhase“ und nickte. Dann kümmerte er sich wieder um sein Brot. „Nein, Osterhase!“ sagte ich, „mit ohne T vorne! Ooooster!“ „Ja“, sagte der Sohn „Toasterhase. Kommt bald“. Er sah gespannt in den Toaster. Er hatte genug gehört. Ich weiß nicht, was er sich jetzt genau vorstellt, aber er hat es erst einmal so hingenommen, daß der Toasterhase bald kommt. In einer Welt, in der dicke Männer mit Schlitten fliegen können, ist immerhin vieles möglich, worauf man nicht sofort kommt, wenn man noch sehr klein ist.

Nun ist das einerseits schade, daß der Osterhase keine Chance mehr bei ihm haben wird, aber andererseits – der Osterhase hoppelt seit Hunderten von Jahren unverändert, ohne jeden Relaunch durch die deutschen Frühjahre. Ist es nicht vielleicht Zeit, ihn etwas zu modernisieren? Weiß denn noch irgend jemand, was Ostern eigentlich heißt? Haben wir nicht längst jeden Bezug zu dem Hasen mit den Eiern verloren? Und hat nicht andererseits jeder einen Toaster? Sollte man sich nicht bemühen, den Kindern Bilder zu vermitteln, mit denen sie auch etwas anfangen können? Könnten wir daraus nicht gemeinsam etwas machen, was alltagstauglich, modern und kindgemäß ist? Doch, das können wir. Bestimmt.

Der Toasterhase. Ein Mythos ist geboren.

Und bis sich das fest in der Alltagskultur etabliert hat, schnitze ich erst einmal ein paar Hasen aus Toastbrot. Wäre doch gelacht.