Wir sind ja hier ganz unter uns, liebe Leserinnen und Leser, in diesem kleinen Club durchtherapierter Erwachsener, da können wir ja auch einmal über ein ernstes Thema reden und uns tieferliegenden Problemen stellen. Denn entgegen dem Anschein, den hier viele Beiträge wahrscheinlich erwecken, ist die Kindheit, und gerade auch die sehr frühe Kindheit, nicht nur ein heiteres Paradies voller komischer Vorkommnisse, fröhlichem Lernen und Unmengen an Smartiejoghurt. Nein, sie ist selbstverständlich auch eine Zeit der Probleme und der Ängste, wie wir alle wissen, die das irgendwann mit einem Therapeuten bis zum Erbrechen durchgekaut haben. Ängste, über die man lange gesprochen hat, während sich ein Fachmann Notizen mit dem Kuli machte, so lange, bis man sich irgendwann sagte, wieso eigentlich ich? Und wieso schon wieder diese dämlichen Kinderthemen? Und wieso überhaupt Therapie? Geht’s noch? Und dann stand man auf und wandelte, es wird fraglos dem einen oder anderen bekannt vorkommen.

Bekannt auch, daß man dabei tastend herumrät, was einen denn wohl in der Kindheit bewegt haben könnte, man erinnert sich ja an vieles nur höchst unklar. Ängste, Probleme, damals, was weiß ich denn, ja sicher, da war doch was, die großen Spinnen, die bösen, bösen Schwäne, der dunkle Heizungskeller, was mag es alles bedeutet haben? Der Fachmann nickt aufmunternd und schreibt mit, in der Erinnerung sieht man die Monsterspinne an der Wand und sich selbst als Dreijährigen blaß und bebend davor. Oder so ähnlich. Alles höchst vage natürlich, und wenn man ehrlich ist, aber wer wäre das, auch höchst fragwürdig, denn was taugt das Gedächtnis schon. Erinnerung lügt, Erinnerung betrügt, die Spinne war tatsächlich 0,5 Zentimeter lang, mit Beinen, wirklich ein Wahnsinnsproblem. Aber darum geht es nicht, natürlich nicht. Es geht um das, was sie symbolisiert, jede Spinne ist ein Zeichen und zwar sogar schon, bevor man sie an der Wand zerklatscht hat – dann aber erst recht. Die Spinne, das Monster, das namenlose Grauen, sie steht für das Unfaßbare, Unkontrollierbare, der Abgrund in uns, die Gefühle, die man nicht zeigen konnte oder durfte, der Fachmann mit dem Kuli fragt nach den Eltern. Man deutet herum, man rät, man assoziiert.

Andere Forscher meinen ja, der Mensch an sich habe Angst vor Spinnen, weil das ein höchst willkommener Überlebensimpuls sei, die Biester sind nämlich oft genug giftig und der Mensch länger lebendig, wenn er, besonders als kleiner Mensch, ausreichend Abstand hält. Erzählen Sie das mal, während Sie auf der Couch liegen, und dann achten Sie auf das trockene Räuspern des Fachmanns mit dem Kuli. Aber das nur am Rande.

Was ich eigentlich sagen wollte: Wenn man schon bloggt und hier und da die Erlebnisse der Kleinen festhält, so daß sie später, in vielen Jahren, nachlesen können, wie es für den Vater gewesen ist, wenn sie nachlesen können, was es alles an Erlebnissen gab, die sie natürlich längst vergessen haben werden, wäre es da nicht wahnsinnig praktisch und zuvorkommend, auch über die Ängste und Probleme der Kinder ein Wort zu verlieren, zur späteren Wiedervorlage bei deren Therapeuten? Dann könnten sie später einfach mal einen Artikel ausdrucken und mitnehmen. Sie müßten sich nicht mehr mit dem mühsamen Erzählen befassen, sie könnten sich gleich in die Deutung stürzen. Auf die Fachmänner mit dem Kuli käme eine Generation hocheffizienter Patienten zu, tatsächlich würde sich am Ende das Hinlegen kaum noch lohnen, da reicht dann auch ein Stehpult, das ist auch billiger als ein Sofa, ich habe ja aus beruflichen Gründen eine gewisse Neigung zur Beschleunigung und Entschlackung von Prozessen.

Bitte sehr. Die größte Angst von Sohn I ist, daß es sich bei einer seiner heißgeliebten Salatgurken um eine Zucchini handeln könnte. Weswegen das Wort für Salatgurke in seiner Sprache auch der höchst komplexe Begriff „Gurkeaberichmagkeinezucchini“ ist. Kinderqualen, man macht sich keinen Begriff.

Bestimmt wird er mir später für diese Erinnerung dankbar sein und sehr freundlich an mich denken, während er in der Verhaltenstherapie Zucchini raspelt.

Gern geschehen.

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