Hamburg ist reich an Theatern, in jedem Stadtteil gibt es hier eine Bühne, zumindest wenn man auch die winzigen Varietés, Kulturvereine, Schultheater etc. mitzählt. Ein unüberschaubares Angebot. Staatstheater, Privattheater, teilweise verlockend nah. Das größte deutsche Sprechtheater zum Beispiel, das Hamburger Schauspielhaus, erreiche ich in nur 5 Minuten zu Fuß. Ein bekanntes Haus, ein viel gelobtes Haus, ein schöner alter Bau mit sehr modernen, bestbesprochenen Inszenierungen, die mir allerdings zuverlässig nicht gefallen wollen. Was selbstverständlich an mir liegt, die Fachleute werden sich ja nicht irren.

Überhaupt ist Theater schwer zu bewerten. Ich habe es schon verschiedentlich versucht, darüber zu schreiben, nie ist es mir recht gelungen. Es ist unsäglich schwer, einem Theaterstück in ein paar Zeilen gerecht zu werden. Ich mache aber doch noch einen Versuch.

Das Stück heißt “Müll” und es wird abseits der kulturellen Institutionen aufgeführt, einfach so, an einer beliebigen Straßenecke, wie etwa heute morgen direkt vor unserer Haustür, es hat etwas von Happening und Performance. Es gibt wenig Akteure, die Bühne ist anspruchslos und das Publikum ist klein. Das Publikum ist sogar sehr klein, genau genommen ist es etwa einen Meter groß.

Wir sehen zunächst nur ein minimalistisches Bühnenbild, einen rohen Betonklotz mit blechernen Türen, die im eisigen Morgenwind hin und herschwingen. Der Klotz ist hohl und leer, innen liegen nur ein paar Papierfetzen und eine durchfeuchtete Pizzaschachtel, man erkennt noch den werbenden Schriftzug “feurig” in roter Farbe, eine leise Ironie an diesem bitterkalten Wintermorgen. Man hört Lärm, man sieht orangefarbenes Blinklicht. Das Publikum reagiert schon jetzt enthusiasmiert, mit Vorschußlorbeeren wird hier nicht gegeizt, mit Begeisterung wird immer wieder der Name des Stückes gerufen “Müll! Müll!” Es gibt keine Bestuhlung, das Publikum nimmt einfach auf einem Mauervorsprung Platz und wartet gelassen ab, was noch kommen wird. Noch bevor die unteren Extremitäten komplett an der Mauer festgefroren sind, tritt ein Müllmann auf. Eine lange, hagere Gestalt in signalfarbener Kostümierung, die Hose ist angedeutet verdreckt, die schweren Stiefel knirschen auf dem gefrorenen Schnee der letzten Tage. Das Gesicht ist unter zwei Kapuzen und einer Mütze fast nicht zu erkennen, man ahnt einen Bart, eine Kippe hängt im Mundwinkel, gewaltige Wolken aus Rauch und Atem umwabern ihn. Der Gang ist kräftig, die Arme wirken geradezu überlang, ganz so, als hätte er sein Leben lang Mülltonnen gestemmt. Mülltonnen wie die beiden, die er polternd hinter sich herzieht. Sie sind offensichtlich leer, der Müllwagen muß etwas weiter weg stehen. Die Tonnen hüpfen im Rollen, es wirkt, als wollten sie bocken. Der Müllmann murmelt, man kann es nicht verstehen, vielleicht spricht er beruhigend auf die Tonnen ein, als wären es Pferdchen, die nicht recht wollen. Am Ende spricht man nicht umsonst von Müllkutscher, denkt man sich, während man ihm zusieht. Das Publikum ist elektrisiert und steht schon nach diesem kurzen Auftritt auf, es winkt und ruft, immer wieder, die Stimme kippt vor Begeisterung, “Müll! Müll!”. Und tatsächlich strahlt dieser Müllmann eine Authentizität aus, die einfach beeindrucken muß.

Der Müllmann winkt kurz ins Publikum, soviel Nähe hat man auch nicht bei jedem Stück, diese ironischen Brechungen sind ja wieder ganz aus der Mode gekommen. Hier darf das noch sein! Er tritt die Tonnen kraftvoll in den Betonklotz, tritt einen Schritt zurück und fegt dann mit den behandschuhten Händen noch einmal über den Rand der Tonnen, die dabei dezent klappern; es sieht aus wie bei einem Friseur, der der Kundin noch einmal in die Haare faßt, während die zufrieden danke sagt. Es sind diese kleinen Gesten, diese feinen Details, die eine Inszenierung glaubhaft machen. Dann holt der Müllmann mit beiden Armen weit aus, man kann gar nicht glauben, welche Spannweite so ein Kerl haben kann, er faßt die beiden Metalltüren links und rechts, wirft sie mit Schwung zu und tritt dabei gleichzeitig noch weiter zurück, es liegt eine tänzerische Sicherheit in diesen Bewegungen, als hätte er es tausendmal geprobt. Die Türen knallen mit wuchtigem Scheppern zusammen, der Müllmann dreht sich im gleichen Moment auf den Zehenspitzen um, ganz leicht wirkt er dabei, es ist eine Andeutung von Tanz, ein Pirouettenrudiment – und er nimmt die Hände an die Hosennaht, guckt das Publikum ergeben an und verbeugt sich.

Sohn I, der sich seiner Rolle als mitwirkendes Publikum wohl bewußt ist, strahlt und bebt förmlich vor Freude. Er zieht sich mühsam seine dicken Fäustlinge aus, was gar nicht so einfach ist, wenn man erst zweieinhalb Jahre alt ist, dann drückt er sie mir in die Hand, damit ich sie eben halte, dreht sich wieder zum Müllmann um – und klatscht.

Der Müllmann dankt feierlich und geht ab, mit federndem Schritt, zur nächsten Inszenierung, an der nächsten Ecke, wo auch immer das Publikum wartet. Sohn I hört auf zu klatschen, sieht mich an und sagt “Handschuhe bitte”. Hier wird keine Zugabe erklatscht, hier gibt es keinen zweiten, dritten Vorhang, das ist Straßentheater, kein Staatsakt.

“War gut?” frage ich den Sohn und “super” antwortet der, “super Müll!” Und das Publikum, es hat natürlich immer recht. Es ist DAS Stück der Saison.

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