Somerset Maugham schreibt in „Die halbe Wahrheit“, daß er immer gedacht habe, die französische Schriftstellerin Colette verfüge über einen besonders leichten und eleganten Stil – und er nahm an, daß sie auch so schrieb, quasi aus dem Handgelenk, ein Schrift gewordenes Geplauder in edelster Form. Das glaubte er, bis er von ihr selbst erfuhr, daß sie eher eine gequälte Schreiberin war, die Tage für eine Seite brauchte und wahren Umschreibexzessen frönte. Da lese ich doch gleich einmal nach, weil sie zufällig gerade in Reichweite liegt.

Colette: La Vagabonde – Renée Neré. Aus dem Französischen von Rosa Breuer-Lucka. Der Roman erschien zuerst 1910 und beginnt so:

„Halb elf… Schon wieder bin ich zu früh fertig. Brague, mein Partner, der mir zur Seite stand, als ich das erstemal in der Pantomime auftrat, wirft es mir immer sehr drastisch vor: „Eine verwünschte Dilettantin! Nie kannst du es erwarten! Wenn es nach dir ginge, wäre schon um halb acht alles fertig geschmückt!“ Die drei Jahre, die ich jetzt im Varieté und beim Theater bin, haben mich nicht geändert, immer bin ich zu früh fertig. Fünf Minuten nach halb elf – wenn ich nicht das oft durchgelesene, auf dem Toilettentisch herumliegende Buch durchblättere oder den „Paris-Sport“, in den die Garderobiere vorhin Zeichen mit dem schwarzen Schminkstift gemacht hat, werde ich mit mir allein sein, allein mit der geschminkten Richterin, die mir aus dem Spiegel entgegenblickt. Ihre Augen liegen tief in den Höhlen und die Lippen sind mit einer bläulichen Creme eingerieben. Die Wangen leuchten wie in unnatürlicher Röte, die Lippen sind dunkelrot und glänzen, als wären sie lackiert… Sie sieht mich lange an, und ich weiß, daß sie jetzt sprechen wird…“

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