Man kann sich als Erwachsener nicht richtig vorstellen, was im Kopf eines Kindes vorgeht, das nur sechs Monate alt ist. Es denkt noch ohne Sprache, es gibt sich jedem Affekt hin, die Stimmung schwankt alle paar Minuten und es guckt dabei mit unstillbarer Neugier in diese seltsame Welt, die es mit immer neuen Zauberdingen überrascht, deren Zusammenhänge ihm mehr als rätselhaft sind. In den Augen des Kindes ein immerwährendes Staunen, um den Mund herum eine unverkennbare Bereitschaft, diesen ganzen Irrsinnsbetrieb, den wir Alltag nennen, sehr, sehr lustig zu finden. Ob so ein Baby mehr als nur flüchtige Bilder denkt, ob es überhaupt Zusammenhänge bastelt, mit welchen Gedanken es den Personen und Abläufen ringsum begegnet – wer weiß. Bei einem Einjährigen kommt man allmählich dahinter, wie er tickt, bei einem jüngeren Kind hat man nicht viel Chance. Aber manchmal bekommt man doch einen kleinen Einblick.

Sohn II sitzt und guckt. Er sitzt, wo man ihn gerade hinsetzt und er guckt auf das, was da eben vor ihm ist, denn sonderlich mobil ist er noch nicht. Wenn da vor ihm zufällig sein großer Bruder sitzt, dann guckt er den an, wenn vor ihm eine Winkekatze steht, dann guckt er eben die Winkekatze an. Eine von diesen kleinen Katzenfiguren aus Plastik, die man aus asiatischen Restaurants oder Läden kennt, eine Pfote nach oben gestreckt, in unermüdlicher Bewegung, winkend, winkend, winkend. Rechte Pfote oben steht für Wohlstand, linke Pfote oben für viele Besucher. Falls Sie auch eine Winkekatze zu Hause haben -und wer hätte das nicht – und seit längerer Zeit auf den Geldsegen warten, während gleichzeitig immer mehr entfernte Verwandtschaft auftaucht – prüfen Sie doch einfach einmal, welche Pfote da winkt.

Sohn II sitzt vor der Katze, deren rechte Pfote winkt und winkt, der Sohn guckt zu. Die Augen des Sohnes sind halb geschlossen, er sieht ein wenig wie ein kleiner Buddha aus. Leerer Blick, sanftes Lächeln, entspannte Haltung, in seinen Augen spiegelt sich die Katze und winkt. Der Kleine sitzt ganz still davor und atmet sachte. Dann passiert, was eigentlich nicht passieren soll, die Katze hört auf. Die Pfote wird langsamer und langsamer, dann steht sie still. Die Batterie ist alle, der Schwung ist weg. Sohn II macht die Augen weiter auf und guckt jetzt ganz genau hin. Nichts. Die Katze rührt sich nicht. Dann hebt der Sohn den rechten Arm und fängt an zu winken, erst ein wenig ungelenk, dann immer flotter, nach wenigen Minuten macht er es schon wie ein alter Katzenprofi. Die Katze sitzt vor ihm und guckt zu.

Ein wenig später legen wir den Kleinen ins Bett, er sieht müde aus, so ein Dauerwinkebetrieb ist ja auch anstrengend. Nach einer Weile gehen wir noch einmal in das Kinderzimmer, um nachzusehen, ob er auch wirklich eingeschlafen ist und auch um zu prüfen, was das für ein leises Klopfen ist, das wir seit geraumer Zeit aus der Richtung des Bettes hören. Sohn II liegt auf seinen Kissen, er hat die Augen geschlossen. Sein rechter Arm klopft auf die Bettdecke, er winkt auch im Liegen weiter als wäre er jetzt batteriebetrieben, er winkt und winkt, unentwegt, rhythmisch, glückskatzenhaft.

Er ist erst sechs Monate alt, aber er hat es schon verstanden: Es gibt Jobs, die einfach gemacht werden müssen.

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