Ich habe nach zehn Jahren eine neue Brille. Wenn ich mich im Spiegel sehe, steht da ein neuer Mensch. Trüge ich plötzlich rosafarbene Sakkos mit Straß-Applikationen und angenähten Flügelchen, ich könnte kaum fremder aussehen. Es ist, als hätte man mich ausgetauscht. Finde ich zumindest. Als ich vom Optiker nach Hause kam, sah mich die die Herzdame und sagte nichts. „Ich habe eine neue Brille“, sagte ich nach einer Weile. „Ach?“ fragte sie, ohne reges Interesse zu zeigen. Dann sah sie mich für den Bruchteil einer Sekunde an und sagte: „ja.“ Das war alles. Wir trafen befreundete Eltern, Menschen, die ich fast jeden Tag sehe. Sie bemerkten auch nichts. Ich traf die schöne Nachbarin, sie sah nichts. Die Patentante von Sohn I kam vorbei, meine Trauzeugin, mit der ich seit einer Ewigkeit befreundet bin, ihr fiel nichts auf. Der einzige Mensch in meinem privaten Umfeld, der überhaupt etwas zu der neuen Brille sagte, war Sohn I, der mich kritisch ansah und dann fragte: „Wo ist die andere Brille? Ist besser.“ Kinder haben es ja noch nicht so mit dem Geschmack, sie sind bekanntermaßen kaum in der Lage, Schönheit zu erkennen. Außer bei Baggern.

Als ich mit der neuen Brille zur Arbeit  ging und am Büro des ersten Kollegen vorüberging, sah er mich aus dem Augenwinkel und rief mir nach: „Hey, neue Brille! Schick!“ Kurz darauf traf ich einen weiteren Kollegen beim Kaffeeautomaten, er gratulierte mir zum neuen Look und sagte, das wäre ja auch mal Zeit gewesen. Ich ging weiter durch die Abteilung. Schnell war klar: Jeder merkt es. Alle fanden den neuen Look toll.

Ich habe eine neue Brille, die nur Finanzbuchhaltern und grummeligen Kleinkindern auffällt. Vielleicht sollte ich mit dem Optiker noch einmal reden.

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