Sohn I sitzt im Bett, es ist schon spät und er soll schlafen. Er lauscht angestrengt und sieht aus dem Fenster, dann denkt er lange nach und fragt mich schließlich: „Papa, singt die Amsel für mich?“

Das klingt vielleicht zunächst einmal nur ganz niedlich, das ist aber viel mehr. Das schließt immerhin die unfaßbare Option ein, daß die Amsel tatsächlich nicht für ihn singt und er also gar nicht der Mittelpunkt des Universums ist. Das ist eine ernsthafte Grundsatzfrage nach Bedeutung und Zusammenhang, das ist auch eine sehr abstrakte Frage und das ist ein vorhergehendes Grübeln, wie es wohl nur dem Menschen eigen ist. In Alltagsdingen kann es angeblich jeder dreijährige Gorilla leicht mit einem gleichaltrigen Menschen aufnehmen, bei solchen Fragen aber trennen sich vermutlich doch die Geister. „Singt die Amsel für mich“, als Frage eines Menschenkindes, das ist wohl tatsächlich der Anfang aller Geisteswissenschaften. Würde unsere gesamte Kultur morgen über den Jordan gehen, die Menschheit würde wieder und wieder eine neue entwickeln – ich finde, man hört es an dieser einen Frage.

Wie dem Ich hier eine schwankende Bedeutung verliehen wird, die zu diskutieren ist, die man bejahen oder verneinen kann, wie der Bezug zu allem, was Nichtmensch ist, in Frage gestellt wird – ist das nicht herrlich? Noch bevor er zählen kann, bevor er eine Geschichte erzählen kann, bevor er auch nur die Sprache halbwegs richtig beherrscht, bevor er einen Begriff von der Welt hat, vor all diesem ist der Mensch schon ein Philosoph. Wunderbar. Wie gut man sich den Weg des denkenden Menschen vorstellen kann, von dieser einen beispielhaften Frage bis hin zu einem ausgewogenen Weltbild, über Jahrzehnte des Lernens und der Erkenntnis, über Fragen, Zweifel und Ideen, über Gott und Nihilismus hin zu der mühsam errungenen persönlichen Wahrheit des älteren Menschen.

Ich fand die Frage wirklich beeindruckend. Natürlich habe ich seine Frage bejaht, das versteht sich bestimmt von selbst, das wird sich jeder gedacht haben, wer würde einem Kind von noch nicht einmal drei Jahren hier ein Nein zumuten wollen. Ein resignatives, kaltes, erwachsenes Nein, das typische Nein des Menschen, der alle Illusionen verloren hat, der keinen Zauber mehr in der Welt vermutet – wer würde so etwas an ein Kind weitergeben. Ich mußte die Frage selbstverständlich bejahen. Obwohl die Amsel doch eigentlich für mich singt.

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