„Der Sinn der Aufsichtspflicht besteht – ganz vereinfacht gesagt – darin, dass der anvertraute Minderjährige nicht zu Schaden kommt und keinen Schaden anrichtet.“

Ich sitze zuhause am Schreibtisch und arbeite. Damit mich dabei weder Telefon noch Lärm von draußen ablenken, höre ich Musik über Kopfhörer. Die Herzdame ist mit den Söhnen auf dem Spielplatz, eine gute Gelegenheit, um wirklich etwas zu schaffen. Ich tippe konzentriert, die Zeit ist knapp. Plötzlich höre ich in der Musik einen durchdringenden falschen Ton, wieder und wieder. Ich nehme die Kopfhörer ab und merke, daß jemand Sturm klingelt. Ich mache die Tür auf. Davor steht die sechsjährige Tochter der schönen Nachbarin und sagt anklagend: „Du gehst nicht ans Telefon.“

„Nein“, sage ich, „ich hatte Kopfhörer auf. Hab nichts gehört. Was kann ich für dich tun?“ „Du gehst nicht ans Telefon“, sagt sie wieder und guckt streng, „aber du bist zuhause. Hab ich gesehen. Die Balkontür ist auf.“ „Ja“, sage ich, „stimmt.“ Die Kleine geht durch die Wohnung und sieht sich um. „Ich dachte, ich sehe mal nach, ob alles in Ordnung ist“ sagt sie, während sie vom Wohnzimmer zur Küche geht. „Alles in Ordnung hier“, sage ich, „möchtest du etwas trinken? Möchtest du auf den Rest der Familie warten?“ „Nein“, sagte sie, „ich gehe gleich wieder. Ist alles gut. Glaube ich. Aber kann man ja sonst nicht wissen.“ Sie besieht sich nachdenklich den Herd und den Kühlschrank, dann macht sie noch einen Abstecher ins Schlafzimmer und ins Bad und nickt, da anscheinend alles zu ihrer Zufriedenheit aussieht. „Gut“, sagt sie und rückt im Vorbeigehen mit ordnender Hand meinen Bürostuhl gerade, „ich gehe jetzt mal wieder.“

Und ich dachte immer, ich könnte ihr in vielen Jahren einmal erzählen, daß ich früher, als sie noch ganz klein war, des öfteren auf sie aufgepaßt habe.

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