Sohn I weiß, in welcher Straße er wohnt und er weiß auch, wer hier zur Nachbarschaft gehört. Er weiß, wie er mit Nachnamen heißt und wer zur Sippe gehört, das weiß er sogar bei Menschen, die er kaum kennt, wie etwa bei meinem Bruder, den er nur einmal im Leben gesehen hat. Er weiß auch, daß er in Hamburg wohnt, was vor allem an der Abgrenzung zum Heimatdorf liegt – ist das da draußen vor dem Fenster nicht Hamburg, dann ist es wahrscheinlich Friedewalde. Hamburg ist so wie immer, alles andere ist irgendwie speziell, ist womöglich sogar, wenn genug Wasser da ist,  Mallorca oder Helgoland oder Eiderstedt. Hamburg ist die Routine, wir basteln uns langsam eine seelische Heimat. Von Deutschland hat er natürlich keinen Schimmer. Er weiß mittlerweile, daß einige Menschen anders reden als wir, zum Beispiel die Eltern seiner Freundin, das findet er lustig. Daß die anderen aber Portugiesen sind und wir Deutsche – davon hat er keine Ahnung.

Bald ist Fußball-WM, da wird das Thema der Nationen und Länder natürlich überall sehr präsent sein, das deutet sich jetzt bereits an, wenn man an einem beliebigen Kühlregal entlang geht. Nationenaufkleber im Joghurt-Sixpack, Nationalmannschaften auf der Milchpackung, Flaggen auf der Leberwurst.  Klebe-Tattoo-Fahnen, um genau zu sein. Klebe-Tattoos müssen natürlich  auf den Arm, ganz egal, was da drauf ist, da kennt der Sohn keine Hemmungen. Das arme, ahnungslose  Kind würde auch mit FDP-Werbung oder Schlimmerem auf dem Körper herumlaufen. In der Leberwurstpackung war heute morgen eine kleine Deutschlandfahne als Tattoo.  Der Sohn pellt sie von der Wurst, dreht sie grübelnd in den Fingern und fragt mich dann, was eine Fahne sei. Ich versuche es zu erklären, das ist gar nicht so einfach. Ich mühe mich ab, das Prinzip der nationalen Abgrenzung kindgemäß darzustellen. Ich rede von ganz großer Nachbarschaft und Riesenfamilien, von Geschichte und Politik, von Grenzen und Sprachen. Als der Sohn vor Langeweile vom Stuhl kippt, höre ich auf. Thema abgehakt,  wieder etwas Wichtiges vermittelt, man ist als Vater ja soweit zielstrebig . Der Sohn rappelt sich wieder auf, geht vor den Spiegel und besieht sich ausgiebig das frische schwarzrotgoldene Rechteck auf seinem Arm.

Dann geht er zur Herzdame und sagt stolz: „Hab ich eine Wurstfahne.“

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