Auf der Bühne steht ein älterer Cowboy mit Bierbauch. Er hat Fransen am Hemd und Lederstiefel an, er stöpselt an seiner Gitarre und an der Anlage herum, dann singt er „Ich möchte so gern Dave Dudley hören“ von Truck Stop. Truck Stop geht immer. Hunderte von Menschen an den Tischen und Bänken um ihn herum schunkeln mit, viele haben selbst auch Cowboyhüte auf. Der Showbühnencowboy hört unvermittelt wieder auf zu spielen und zu singen, er stimmt konzentriert an seiner Gitarre herum. Damit das Publikum sich solange nicht langweilt, stellt er Musik vom Band an, Truck Stop singt „Ich möchte so gern Dave Dudley hören“. Es ist vollkommen egal, ob der Livecowboy oder die Konservencowboys singen, es klingt genau gleich. Dem Publikum scheint es auch egal zu sein, zur Bühne sieht sowieso niemand. Man sieht auf die Teller, man kaut im Takt, man schneidet den Spargel im Takt. Spargel mit Schnitzel, Spargel mit Lachs, Spargel mit rohem Schinken, Spargel mit Kochschinken,  Spargel mit allem.

Wir sind auf einem Spargelhof, einem riesigen Spargelhof, einem Bauernhof in Potenz. Mit Hüpfburg, Streichelzoo, Abenteuerspielplatz, Forellenräucherei, Erdbeerfeldern, Gastronomie, Bühnen, Spargel-Erlebnispfad und mit noch mehr, man schafft es gar nicht, bei einem Besuch alles abzulaufen. Ein gemalter Lageplan weist ziemlich viele Ziffern auf, die jeweils für eine Attraktion stehen. Besucher stehen vor dem Plan und verrenken sich den Hals: „Wo kriegen wir denn hier Bier?“ Hunderte von Menschen sitzen auf dem Hof in der Sonne und essen unfaßbare Spargelmengen, zu dem Hof müssen gigantische Ländereien gehören. Riesige Stapel mit Spargelkästen werden hinten bei den Verarbeitungshallen mit Gabelstaplern bewegt. Anderswo fahren die Spargelstecher in Kleinbussen auf die Felder, hier kommen gerade mehrere alte Gelenkbusse mit den Arbeitern an und  biegen am Ende des Hofes zu den Quartieren ab, in denen sie für ein paar Wochen untergebracht sind. Müde Gesichter hinter den Fenstern.

Reisebusse mit erstaunlicher Nummernschildvielfalt stehen in Reih und Glied am Rand der Felder, unermüdlich strömen Menschen zu den weißen Zelten, in denen man für die stolzen Spargelportionen anstehen kann. Verzehr nur draußen, am Barrebräu Dein Herz erfreu. Eine lange Schlange auch vor einem anderen Zelt, an dem „Nachschlag“ steht. „Denen gehört auch was an Land in Polen“, sagt der Vater der Herzdame, „denen gehört überhaupt ziemlich viel.“ Ein riesiger, aufblasbarer Spargel weht im Wind hin und her und weist den Bussen den Weg. Im Streichelzoo hinter den Hallen Ziegen und Esel und Schweine, die Schweine haben Ferkel. „Richtige Ferkels!“ kreischt eine dicke Frau im Ruhrgebietstonfall, „die ham hier echte Ferkels!“ Ihr Mann steht desinteressiert daneben und sagt: „Ja nun. Ferkel eben.“ Sie haut ihm in die Rippen und sagt: „Ja, aber richtige doch!“

In der Verkaufshalle gibt es dicken Spargel und dünnen Spargel, Jumbospargel und Bruchspargel, mittleren Spargel und dann das Ganze noch einmal in geschält, daneben grüner Spargel, nur ein paar kleine Kisten, den will ja kein Mensch. „Vier Erwachsene“, überlegt der Vater der Herzdame, „wir brauchen so viereinhalb Kilo“. Dann verhandelt er mit der Verkäuferin auf Platt. Ich suche Schinken. Daneben blasse Erdbeeren in Plastikschalen, immerhin erheblich billiger als in Hamburg, aber wie ein Sommertraum sehen sie noch nicht gerade aus. „Mit viel Zucker geht’s vielleicht“, sagt die Mutter der Herzdame und wir nehmen noch ein paar Schalen mit. Ein Rentnerpaar bestellt von jeder Spargelsorte ein Pfund, unerfindlich was sie damit vorhaben, vielleicht eine Versuchsreihe. Eine junge Frau fragt, wieviel Spargel man denn so nimmt, pro Person, aus der Schlange hinter ihr kommen scherzhafte Antworten von zwei Stangen bis zehn Kilo. Ein Mann bestellt mit russischem Akzent in altmodischem Sprachschuldeutsch: „Bitte, ich habe nur gerade zehn Euro. Was können sie mir da bieten an Bruch und Erdbeeren? Bitte?“ Er hält seinen Zehneuroschein hoch und zeigt ihn der Verkäuferin. Und die Verkäuferin nimmt eine Tüte und schaufelt los, stellt eine große Schale Erdbeeren auf den Spargel und reicht die Tüte dem Russen. „Für zehn Euro?“ fragt der skeptisch und sie nickt nachdrücklich, ein wenig unwillig ob der Nachfrage. „Oh“, sagt der Russe dann und wiegt die Tüte lächelnd in der Hand, „ich danke, ich danke.“ Die Verkäuferin winkt ab und beachtet ihn nicht weiter, sie bedient schon die nächsten Kunden. Auch auf dem Spargelhof gilt: Die Freundlichkeit der Menschen in dieser Gegend liegt immer in der Tat, niemals im Gesicht.

Ein paar Autominuten weiter eine weitere Attraktion der Gegend, Schilder weisen den Weg, der Große Stein. Der Große Stein ist genau das, ein Findling von ungewöhnlichen Ausmaßen, er liegt auf einer Wiese herum und kann erklettert werden. Warmer Granit im Sonnenschein. Daneben ein Klohäuschen mit Fachwerk, mehr nicht. Bäume, Gras, ein trockengelegter Brunnen. Touristen kommen an, Radwanderer, Motorradausflügler. Sie stehen vor dem Stein herum, trinken etwas und machen dann Fotos von sich, das sind wir von dem Stein, da war so ein großer Stein, das ist da so ein Ausflugsziel. Man steht etwas unschlüssig herum, der Stein liegt da und macht nichts. Vögel singen, die Bäume wiegen sich im Wind. „Jo“, sagt ein Motorradfahrer und wirft eine leere Wasserflasche ordentlich in einen Papierkorb neben einer Parkbank vor dem Stein, „dann wollen wir mal wieder.“

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