Benjamin von Stuckrad-Barre: Auch Deutsche unter den Opfern. Ein gutes, deprimierendes  Buch mit Artikeln über Deutschland, darunter ein ganz wundervoller Beitrag gegen Günter Grass, der allein  schon das ganze Geld wert ist. Sehr gerne gelesen. Das Buch erschien 2010 und beginnt so:

„Sabine Christiansen lutscht einen Pfefferminzbonbon und erklärt kurz, was sie heute vorhat: Ein positiver Ausblick auf das just begonnene Jahr soll es werden, mit Stars und auch ganz normalen Menschen. In der Garderobe warten Wolfgang Joop, Fiona Swarovski, Reinhold Messner, Mikka Häkkinen, Oliver Bierhoff und noch viele, viele andere ähnlich normale Gäste; die Kanzlerin wird zugeschaltet.“

Thomas Glavinic: Das bin doch ich. Laut Klappentext und Umschlag ein Bestseller, ein aberwitziges Spiel mit der Wirklichkeit, eine furiose Egomanie. Tatsächlich geht es, wie originell! – um einen Autoren, der der Autor selbst ist und der, wie originell! – trinkt. Unkomisch, langweilig, abgebrochen und weggelegt.

Der Roman erschien zuerst 2007 und beginnt so:

„Ich gehe ins Bad. Bevor ich die Unterhose ausziehe, wende ich mich vom Spiegel ab. Den Kopf starr gerade haltend, damit mein Blick nicht doch noch auf mein Geschlechtsteil fällt, steige ich in die Duschkabine. Unter den üblichen Verrenkungen dusche ich. Beim Rausgehen, als ich den Blick in den Spiegel nicht vermeiden kann, kneife ich die Augen zusammen. Ich recke den Hals und trockne mich ab. Die Verkrampfung löst sich erst, als ich wieder angezogen bin.“

Adam Haslett: Hingabe. Ein Band mit Erzählungen, die sich mit psychischen Störungen beschäftigen, sehr schön übersetzt von Pociao und Roberto de Hollanda. Lange keine Kurzgeschichten mehr gelesen, die mir wirklich gefallen haben, hier gab es dann endlich wieder welche. Das Buch erschien 2010 und beginnt so:

„Zwei Dinge will ich von Anfang an klarstellen: Ich hasse Ärzte, und ich bin in meinem ganzen Leben keiner Selbsthilfegruppe beigetreten. Mit dreiundsiebzig werde ich mich auch nicht mehr ändern. Die Psychiatrie kann mich mal; ich werde ihre nutzlosen Wundermittelchen nicht nehmen und mir auch nicht den Schwachsinn von Leuten anhören, die höchstens halb so alt sind wie ich. Ich habe auf den Schlachtfeldern der Normandie Deutsche erschossen, sechsundzwanzig Patente angemeldet, drei Frauen geheiratet, alle überlebt und stehe jetzt im Visier der Steuerfahndung, die genauso viel Aussicht hat, von mir etwas zu kriegen, wie Shylock auf sein Pfund Fleisch. Bürokratien können nicht logisch denken. Ich hingegen bin vollkommen klar im Kopf.“

Hartmut Lange: Der Therapeut. Ich habe mit Hartmut Lange eine gewisse Tradition, alle paar Jahre lese ich etwas von ihm, verstehe ihn nicht und lege ihn wieder weg.  So auch dieses Buch. Ich weiß nicht, was er mir sagen will, ich hasse es, wenn Geschichten nicht aufgelöst werden, ich möchte nach jedem Text „Na und?“ fragen.  Er ist ein vielgelobter, hochdekorierter Autor, vielleicht hakt bei mir einfach etwas.  Das Buch erschien 2007 und beginnt so:

„Wernigerode ging leicht gebeugt. Seine hellblonden AHaare waren schütter, so dass die Kopfhaut zu sehen war, und wenn er lächelte, entstand da eine Heiterkeit, der man sich nicht entziehen konnte. Er lebte mit einer Araberin zusammen, die, so wurde jedenfalls behauptet, kein Deutsch verstand.“

Walter Kappacher: Der Fliegenpalast. Ein Buch über ein paar Tage im Leben des alternden Hugo von Hofffmansthal.  Das Buch ist, ich drücke das einmal im Wortsinne des neunzehnten Jahrhunderts aus, eine hübsche Sache. Gerne gelesen.  Es erschien zuerst 2009 und beginnt so:

„An einem der ersten Tage hatte er überlegt, ob er womöglich zu alt geworden war, für diesen Ort, mit dem ihn seit Kindertagen zwiespältige Gefühle verbanden. Hatte die Erinnerung an die glücklichen Tage und Wochen hier, vor so vielen Jahren, ihm einen furchtbaren Streich gespielt? Was sich in Bad Fusch jetzt Grand Hotel nannte, war in Wirklichkeit ein Hotel dritter Klasse, ein besserer Gasthof.“

Sven Regener: Herr Lehmann. Das haben natürlich alle schon gelesen, außer mir, da muß ich also nichts mehr zu sagen. Hinten drauf steht, daß M2R beim Lesen gelacht hat, was will man mehr. Das Buch erschien 2001 und beginnt so:

„Der Nachthimmel, der ganz frei von Wolken war, wies in der Ferne, über Ostberlin, schon einen hellen Schimmer auf, als Frank Lehmann, den sie neuerdings nur noch Herrn Lehmann nannten, weil es sich herumgesprochen hatte, daß er bald dreißig Jahre alt werden würde, quer über den Lausitzer Platz nach Hause ging.“

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