Auf der Langen Reihe, der Flaniermeile im Viertel, steht natürlich vor jeder Kneipe, vor jedem Café und vor jedem Restaurant ein Fernseher, Public Viewing ist fester Bestandteil der Straßenkultur geworden.  Vor einem der italienischen Restaurants hängt ein riesiger Flachbildschirm, es ist früher Nachmittag, kurz vor Spielbeginn, die Gäste suchen sich die Plätze nach der Blickrichtung zum Fernseher aus, auf dem bisher allerdings nur graues Gegriesel zu sehen ist. Es ist kein so wichtiges Spiel, keines mit Deutschland oder einem Favoriten, man bleibt noch entspannt. Ein Kellner kommt und drückt an den Knöpfen herum, nichts passiert. Er debattiert auf italienisch mit Kollegen im Inneren des Restaurants, die an Kabeln herumstöpseln, dann drückt er wieder am Gerät und schafft es schließlich, daß man ein Bild sehen kann. Er geht wieder ins Lokal, man hört von den benachbarten Restaurants her schon, daß das Spiel gerade beginnen muß, Hymnenklänge, man hat es also gerade noch rechtzeitig geschafft. Nach einem kleinen Moment merken die Gäste allerdings, daß nicht das richtige Programm eingestellt ist, da laufen gar keine Mannschaften über ein Spielfeld, da steht vielmehr ein bekannter Fernsehkoch vor seinen Töpfen, schlägt ein Ei auf und läßt es in eine Pfanne gleiten. Einer der Restaurantgäste schwenkt stoisch eine Fahne, brüllt begeistert: „Das Ding ist drin!“, der Rest fällt ein und man bejubelt ein paar Minuten lang in unerschütterlicher Feierlaune lautstark die Kochsendung, bis der Kellner endlich wieder vorbeikommt und das Programm umstellt.

Public Viewing hat viel mehr Potential, als man zunächst denkt.

%d Bloggern gefällt das: