Sohn I: „Darf ich bitte etwas von deiner Apfelschorle abhaben? Das würde mich freuen.“

Kumpel von Sohn I: „Ja, mein Freund, bitte sehr.“

Der Sohn und sein Kumpel sind fast drei Jahre alt, beide können eigentlich noch kein perfektes Deutsch, aber man merkt doch, sie fangen jetzt an, sich Höflichkeiten zu drechseln, teilweise in einem geradezu bizarren Ausmaß. Sie haben erstaunlich viel Spaß daran, sich mit Bitte und Danke zu bewerfen, sie schnappen immer neue und immer kompliziertere Floskeln auf und bauen sie sofort ins Spiel ein. Zwischendurch fallen sie dann aber unvermittelt wieder in das Kleinkindgemäße:

Sohn I: „Abhaben! Durst“

Kumpel von Sohn I: „Neehee! Weg!“

(folgt Schlägerei)

Sie schlingern im Niveau, und was eben noch ein unfaßbar höfliches Kind war, ist im nächsten Moment ein gröhlender Wüterich ohne rationale Kontrolle. Aber allmählich spielt es sich doch ein, sie gewinnen mit jeder Woche deutlicher einen Sinn für den richtigen Moment und das passende Vokabular. Sie verstehen jetzt, daß nicht jede Formulierung in jede Situation paßt. Manchmal kann man sogar schon den Eindruck gewinnen, daß sie ohne jedes Nachdenken perfekt und adäquat auf die Art der Ansprache reagieren. Sie erahnen darin womöglich die Anfänge der jahrtausendealten Tradition des guten Benehmens.

Ich gehe mit Sohn I an einer Hilfseinrichtung für schwule Stricher aus dem Ausland vorbei, das ist hier eben ein Bahnhofsviertel, hier ist manches anders als im Rest der Stadt. Vor der Tür wird herumgelungert, man steht rauchend in Grüppchen auf dem Fußweg. Sohn I brettert mit seinem Laufrad mitten durch, auszuweichen ist ihm bei menschlichen Hindernissen noch nie in den Sinn gekommen. Einer der Jugendlichen, den er im Vorbeifahren rammt, dreht sich um und ruft: „Ey!“ Sohn I hält, dreht sich langsam wie in einem Italo-Western um, schiebt seinen Sonnenhut in den Nacken, sieht sich den Typen über ihm genau an und fragt dann in einem bemerkenswert schnodderigen Tonfall: „Ey, hassu gerade ey gesagt?“


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