Ich finde dieses Gieren nach Hochbegabung bei einem Kind ja etwas anstrengend. Es gibt zu viele Eltern, die an den Kindern herumzerren um endlich etwas zu entdecken, was man fördern könnte, pushen könnte, in das man investieren könnte. Zu viele Eltern, die ihre Kinder förmlich belauern, um das versteckte Genie zu entdecken, das irgendwo in dem Nachwuchs vorhanden sein muß. Immer früher werden die Kleinen zum Zählen angehalten, zum Buchstabieren, mit Mozart berieselt, in Naturkundeausstellungen geschleift, vor Chemiebaukästen gesetzt, dabei wollen sie eigentlich viel lieber schaukeln. Sollen die Kinder doch normal sein, sollen sie eins, zwei, drei, sieben zählen, Grammatikfehler machen und den Rhythmus neben die Musik hauen, mir ist das ganz gleich. Ein Kind ist ein Kind ist ein Kind.

Aber wenn man natürlich ganz zufällig über eine Spitzenbegabung stolpert, die vollkommen unübersehbar ist, dann wäre es auch wieder verantwortungslos, sich nicht damit zu befassen.  „Ich ging im Walde so vor mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn“, um endlich einmal wieder Goethe zu zitieren, wo wir schon bei Wunderkindern sind – wenn man in diesem Sinne nichts sucht, dann darf man wohl auch finden, denke ich. Wir waren mit den Söhnen bei einem Kindermusikfestival. Wenn sie schon zwei schwer unmusikalische Eltern haben, sollen sie wenigstens anderweitig gelegentlich Kontakt mit Tönen und womöglich sogar richtigen Melodien haben. Da lagen Instrumente herum, die die Kinder einfach nehmen konnten. Man konnte mal eben ein Akkordeon ausprobieren oder –zig Arten von Trommeln oder andere Percussioninstrumente oder Hörner oder Dinge, für die ich nicht einmal eine Bezeichnung gewußt hätte. Während Sohn II fröhlich brabbelnd über Waschbretter krabbelte und so andere davon abhielt, damit Krach zu machen, ergriff Sohn I zielsicher eine Gitarre. Er hatte noch nie eine Gitarre in der Hand gehabt, in der Kita gibt es nur Trommeln, zu Hause nur eine Stereoanlage. „Guck mal“, sagte ich zur Herzdame, „er hält sie ja ganz richtig.“ Sohn I stand wie in Trance, er sah an sich herunter, er starrte auf das Instrument, es arbeitete in ihm. Er lächelte dezent, er sah plötzlich ganz so aus, als wäre er erst mit Gitarre wirklich vollständig. Er faßte sie vollkommen korrekt an, er nickte,  sah zu mir hoch und strahlte. „Guck doch mal“, saget ich zur Herzdame, „da hat aber jemand was gefunden, was? Der sieht ja völlig begeistert aus.“ Der Sohn starrte wieder auf die Saiten, vorsichtig berührt er eine, dann noch eine. Das Nicken wurde stärker, jetzt war ganz klar, daß hier etwas Seltsames passierte. Er hatte noch nie eine Gitarre in der Hand gehabt, aber, soviel konnte man jetzt schon sehen, das hier würde nicht das letzte Mal sein. „Die Gitarre gefällt dir, was?“ fragte ich den Sohn, der immer noch mit den Fingern über die Saiten fuhrt, ohne dabei eigentlich zu spielen, er schien alles ganz langsam und sehr vorsichtig zu ertasten. „Ja“,. sagte er kaum hörbar, „ja, sehr“. Dann nahm er die Gitarre und haute sie seinem Kumpel auf den Kopf.

„Hast du das gesehen“, frage ich die Herzdame, „das war perfekt. Ohne jede Übung! Das hat er einfach so drauf! Ein Rockstar! Wir müssen Zettel aushängen und Bandmitglieder suchen! Noch drei Mann!“ Die Herzdame antwortete nicht, sie war damit beschäftigt den Sohn und seinen Kumpel zu trennen. Ein anderer Vater fragte, ob er wohl das Akkordeon haben könne, auf dem Sohn I und sein Kumpel gerade herumrangelten. Klar“, sagte ich. „kein Problem. Akkordeon ist sowieso nicht dran. Mein Sohn hier ist mehr hendrixmäßig drauf.“  Wie gesagt, ich halte nichts von dem Herbeibehaupten  von Spitzenbegabungen. Aber wenn das eigene Kind offensichtlich ein Genie ist, kann man auch nicht auf Dauer daran vorbei leben.


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